ZUGER PRIVILEG
 

Gestohlen. Gebrandschatzt. Geköpft., 10. November 2008



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GESTOHLEN
GEBRANDSCHATZT
GEKÖPFT

Das tragische Schicksal von Jost Schanz
Historische Lesung, am 10. November 2008 im Burgbachsaal Zug und am 12. November 2008 im Saal des Restaurant Brandenberg

DVD der Lesung kann für 25.– bestellt werden bei:
Heiri Scherer
Weinbergstrasse 51
6300 Zug

Die Bühne ist funktional nüchtern. Drei Lesepulte nur. Auf die Wand projiziert die altertümliche Überschrift: „Acta in Kriminal-Untersuchungs-Sachen gegen Jost Schanz, betreffend: Brandstiftung“. Der Stoff zur (Ver-)Handlung stammt aus vergangenen Tagen. Aus Originalverhörakten, gehoben aus dem Staatsarchiv des Kantons Zug. Heiri Scherer, Präsident des Zuger Privilegs hat den kleinen Schatz entdeckt, den beiden Zuger Historikern Thomas Glauser und Renato Morosoli den Auftrag geben, die Verhörprotokolle zu transkribieren und diese in zwei Lesungen dem Publikum zugänglich gemacht. So werden jetzt die Stimmen der einstigen Protagonisten wieder vernehmbar.
Das (Macht)-Zentrum verkörpert Martin Elbel als Vizestatthalter Keiser und Verhörrichter Josef Leonz Schmid. Frontal zum Publikum gerichtet, beherrscht er die Szenerie. Mit Elan, wendig und schlau, befragt er nach rechts und nach links. Gleichbleibend gedrückt, meist seinem Schicksal ergeben, antwortet der Angeklagte Schanz, in der Interpretation von Michael Felber. Hinzu kommen die Stimmen der einstigen Zeuginnen und Zeugen, mit Biss verkörpert von Elena Brentel und Olivier Burger.

Wenige, konsequent durchgehaltene inszenatorische Eingriffe strukturieren zusätzlich die Lesung und verstärken die Wirkung der authentischen Vorlage. Thomas Glauser amtet als nüchtern unbewegter Chronist. Sein „vorgelesen und bestättet und unterzeichnet mit einem Kreuz“ sagt mehr als tausend Abhandlungen über den Analphabetismus der damaligen „unteren Schichten“ und wirkt wie ein unveränderliches Verdikt am Ende jeder Befragung und jeden Verhörs. Renato Morosoli liefert historische Erläuterungen zum politischen Kontext der Zeit, aber auch zum damals geltenden Bürgerrecht, das den Heimatlosen in der Schweiz vorenthalten wurde.

So verschiebt sich im Verlauf der Gerichtsverhandlungen der Fokus für die Zuhörerinnen und Zuhörer von der Kriminalgeschichte unmerklich auf die Lebensverhältnisse von Jost Schanz. Beklemmend wird deutlich, was es hiess, in jenen Tagen im Kanton Zug und in der Schweiz ein Heimatloser zu sein – kein Bürgerrecht zu haben, nirgends willkommen zu sein, vom Landjäger über die Kantonsgrenzen gehetzt zu werden. Nichts veranschaulicht diesen „vogelfreien“ Zustand der Heimatlosen eindrucksvoller als die Schilderungen von Jost Schanz, wo er sich zur Tatzeit überall aufgehalten habe. Das vom Gericht nach Schanz´ Schilderungen angefertigte Kroki belegt dieses verordnete unablässige Umherirren, ein sich Drehen im Kreis, als Ziel einzig ein weiteres Glas Bränz. Eine Landkarte der Heimatlosigkeit mit Namen, die wir heute noch gebrauchen: Bibersee, Lorzenebene, bei „Freimanns“, in der Schochenmühle, im Bann.
Und so zieht sich auch im Verhör die Schlinge immer enger um den Hals von Jost Schanz. Elbel agiert als Verhörrichter bohrend, überzeugt von seiner Aufgabe, bis er das Geständnis von Schanz hat. Wie das Aufplatzen einer eiternden Wunde nimmt sich dessen Tat aus. Sinnlos und stumm. Aus Rache für eine weit zurückliegende Züchtigung wegen eines Birnendiebstahls hat er, einer plötzlichen Regung folgend, den Brand in der Scheune des Bauern Freimann gelegt. Einer wie Schanz, der als Säugling von der Mutter für einen Hund an eine Pflegefamilie verkauft wurde, hat, einmal in die Fänge der Justiz geraten, keine Lobby. „Schanzli“, wie die Zeuginnen und Zeugen ihn nennen, wird am 23. Dezember 1847 von einem Scharfrichter aus Schwyz nach mittelalterlicher Manier geköpft. Es hat ihm nicht geholfen, dass inzwischen die liberalen Kräfte in der Schweiz die Oberhand gewonnen haben.  

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