ZUGER PRIVILEG
 

Die Irrtümer der Wissensgesellschaft, 01. Dezember 2008


Die Irrtümer der Wissensgesellschaft

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann in der PHZ Zug am Montag, den 1. Dezember 2008

Vor der voll besetzten Aula der PHZ Zug gelang Liessmann ein Kunststück. Schritt für Schritt führte er das Publikum an die Freiheit heran, die mit der Bildung verbunden ist. Schliesslich spürte jeder ganz direkt, welcher Wert darin liegt, sich auch mit scheinbar nutzlosen Dingen zu beschäftigen. Diese Freiheitsräume hat unsere „Wissensgesellschaft“ zugeschüttet.

Warum gehen Bildung und Freiheit Hand in Hand? Weil Bildung mit der Neugier am scheinbar Nutzlosen zu tun hat und mit dem Bestreben, sich selbst in der Auseinandersetzung damit aktiv zu formen. Darin erlebt der Mensch das, was der Philosoph Immanuel Kant über ihn gesagt hat: Dass er einen unübersteigbaren Wert in sich selbst hat. Die Wissensgesellschaft kennt keine Bildung in diesem Sinne mehr, sondern nur noch Ausbildung. Ausbildung ist die Vermittlung von Kompetenzen, für die es einen Markt gibt. Entsprechend müssen alle Inhalte durch ökonomische Verwertbarkeit legitimiert sein – auch der Mensch. Was sich nicht verkaufen lässt, wird aussortiert.

Liessmann betonte immer wieder, dass er die Notwendigkeit der Ausbildung gar nicht bestreitet. Aber der wichtigste Irrtum der Wissensgesellschaft liegt für ihn darin zu meinen, dass es jenseits aufweisbaren Nutzens keinen Wert des Wissens mehr gibt. Entsprechend werden ganze Wissensgebiete an den Universitäten als „Orchideenfächer“ abqualifiziert. So erging es z. B. den Orientalisten, bis nach dem 11. September 2001 plötzlich Fachleute gesucht wurden, die den westlichen Geheimdiensten kompetent Auskunft über die schrecklich fremde Welt des Orients geben konnten. So schnell ändern sich die Bewertungen.

Die Orientierung des Wissens am Nützlichen führt dazu, dass das Wissen selber an Bedeutung verliert. Die Ideologen der Wissensgesellschaft behaupten immer wieder, man brauche eigentlich gar nichts zu wissen, sondern es genüge zu wissen, wo man das benötigte Wissen abrufen könne. Datenbanken aber enthalten gar kein Wissen, so Liessmann, sondern Informationen. Erst wenn diese angeeignet, verstanden und bewertet worden sind, lassen sie sich als Wissen bezeichnen.

Das Reich der Freiheit, das die Bildung schenkt, ist in unserer nutzenorientierten und durchökonomisierten Wissensgesellschaft geradezu exotisch. In Anlehnung an Friedrich Schiller beschrieb Liessmann das Spielerische, das in der Bildung liegt. Der Mensch sei im Spiel ganz bei sich, hatte Schiller betont. Der Wert des Spiels liegt in sich. Und der Erwerb von Wissen, sei es durch Lernen oder Forschen, ist in unserer abendländischen Kultur seit der Antike nie nutzenorientiert gewesen. Die Erkenntnisse, die die Welt verändert haben, sind nicht zustande gekommen, weil irgendjemand sie um eines vorher definierten Nutzens willen gezielt gesucht hätte. Sie entstanden in einer Art von Spiel.

Als Liessmann diese Fenster aufgestossen hatte, fragte er noch einmal, worin der Wert der Bildung besteht. Seine Antwort: Dass man Ekel vor den Texten drittrangiger Journalisten empfindet. Daran wurde die ganze Paradoxie der Bildung deutlich. So etwas lässt sich in keinen Lehrplan schreiben, und viele Leute würden in Ekelgefühlen dieser Art auch keinen Nutzen erkennen können. Bildung in diesem Sinne ist und bleibt einer Minderheit vorbehalten. Entsprechend machte sich Liessmann über Versuche lustig, immer mehr Akademiker zu produzieren wie Schuhe in einer Schuhfabrik. Bildung ist ein höchst individueller Prozess, der mit lebenslanger Selbstformung zu tun hat und sich kaum in grossen Institutionen schematisieren lässt.

In der Diskussion zog ein Teilnehmer ein treffendes Fazit. Er habe die Ausführungen von Liessmann genau verstanden und stimme ihnen zu. Aber was bewahre ihn davor, morgen in der Schule genau so weiter zu fahren wie bisher? - Bildung ist und bleibt ein Privileg.

Stephan Wehowsky 

Anlass drucken