ZUGER PRIVILEG
 

Lesung – Bilder eines Kleinbürgers und Monsters, 14. September 2009



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Die Himmlers und wir.

Die Auseinandersetzung mit den Tätern der Naziverbrechen stellt die Nachwelt auch in Zukunft vor besondere Herausforderungen. Einerseits zwingt gerade die Schrecklichkeit der Taten zu einer nicht beendbaren Beschäftigung mit ihnen. Andererseits macht die (vordergründige) Monstrosität der Täter eine Annäherung schwierig, auch und gerade für kommende Generationen, für die das Geschehen Geschichte geworden ist.
Wie sich also heute einem Massenmörder, zum Beispiel dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler, annähern?
Zwei grossformatige Bilder bestimmen den Bühnenraum im Theatersaal des Kantonalen Gymnasiums Menzingen. Die in Berlin lebende Zuger Künstlerin Antonia Bisig hat sie gemalt nach Fotos: einem Familienfoto der Familie Himmler um 1910 sowie einem Pressefoto von 1937. Auf letzterem zu sehen: u.a. die Führungsriege der SS, wie sie Göring zu seinem 44. Geburtstag gratuliert. Das Foto der Himmlerfamilie stammt aus dem 2005 erschienenen Buch „Die Brüder Himmler“. Die Grossnichte Heinrich Himmlers, Katrin Himmler, hat es geschrieben.
Das Zuger Privileg hatte mit Katrin Himmler und Antonia Bisig zwei Persönlichkeiten zu Gast, die sich auf unterschiedliche Weise mit Heinrich Himmler beschäftigt haben. Was sie vereint, ist die subjektive, allerdings unterschiedlich motivierte Betroffenheit. Das wurde im Gespräch deutlich, das der Konzeptverantwortliche der Veranstaltung, Michael Felber, mit seinen beiden Gästen führte. Katrin Himmler schrieb in ihrem Buch gegen die tief sitzende Abwehr ihrer Familie an, die tiefbraune Nazivergangenheit auch der beiden Brüder Heinrich Himmlers, beides Ingenieure, zur Kenntnis zu nehmen. Die Autorin kommt dabei einem weniger spektakulären „Täter“-Typus auf die Spur, der gleichwohl entscheidend war für den Erfolg des damaligen Unrechtsregimes. Selbstkritisch beschreibt die Autorin auch ihre eigenen hartnäckig blinden Flecken gegenüber diesen Verstrickungen ihrer Familie. Umso hartnäckiger hat sie dann allerdings in den Archiven recherchiert und anhand einer Vielzahl von Dokumenten die frühe Nähe des inneren Kreises der Himmler-Familie zur Nazibewegung ausgeleuchtet. Sie hat sich damit auch der Trauer um einst geschätzte Familienfiguren gestellt, die sie fälschlicherweise „rein“ wähnte.
Antonia Bisig hat in ihren Bildern immer wieder auf Gewalt und Krieg reagiert. Insbesondere die Zusammenhänge von Angst, Schwäche, soldatischer Disziplin und Hierarchiedenken haben sie nicht mehr losgelassen. Der Krieg in Ex-Jugoslawien war dann ein Schlüsselerlebnis. „Nie wieder Krieg“, die hoffnungsvolle Losung nach dem Ende des Mordens im 2. Weltkrieg, war angesichts des Massakers in Srebrenica im Jahre 1995 zum frommen Wunsch geworden. Die Beschäftigung mit den beiden Bilddokumenten, die Heinrich Himmler einmal als Kind und einmal auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als Teil einer starr hierarchischen und gleichzeitig willkürlichen Mord- und Machtmaschinerie zeigen, spüren den neuen alten Fragen nach den Wurzeln von Terror, Angst und Gewalt in uns allen nach. Ein Versuch neue Türen zu möglichen Antworten zu öffnen.
Aufschlussreich auch, dass bei beiden Frauen im Verlaufe der Recherchen die Skepsis gegenüber jedweder Form von Besserwisserei gewachsen ist: Hätten wir es damals wirklich besser gemacht, und wäre unser Widerstand, hätten wir ihn denn tatkräftig geleistet, auch wirksam gewesen? Kein Zweifel: Antonia Bisigs künstlerisches Schaffen und Katrin Himmlers Buch geben wichtige Impulse, wie auch wir uns als Teil in dieser Auseinandersetzung in Spiel bringen könnten.
 

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