ZUGER PRIVILEG
 

«Zurlaubiana», 15. Juni 2009



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Wie aus der hochwohlgeborenen Exzellenz ein simpler Citoyen wurde

Wer sagt denn, dass (lokale) Geschichte nicht interessiert. Insbesondere, wenn es um Aufstieg und Fall eines so schillernden Geschlechts wie der Zuger Zurlauben geht. Die ansehnliche Gruppe von Privilegierten, die sich an diesem regnerischen Montag vor der Kirche St. Oswald besammelte, sprach jedenfalls eine deutliche Sprache. Man freute sich offensichtlich auf die etwas andere Geschichtslektion von alt Stadtschreiber Albert Müller und Stadtarchivar Christian Raschle. Die zwei Führungen versprachen Wissenswertes zu Vergangenem in anschaulicher und unterhaltender Form.

Denn die Geschichte der Zurlauben vermag auch ein heutiges Publikum zu fesseln, ist sie doch eine spannende Zuger Version der alten Geschichte um Macht, Geld und Einfluss. 11 Generationen umfasst das Geschlecht Zurlauben, das bis in die Neuzeit nicht zuletzt dank der Nähe zur Grossmacht Frankreich zur gesellschaftlichen Elite in Zug gehörte. Als solche machten die Zurlauben ihren Einfluss in allen wichtigen Bereichen geltend: sie besetzten politische, kirchliche und militärische Ämter. Dass sie jedoch auch vor Macht-Einbrüchen nicht gefeit waren, zeigte sich im 18. Jahrhundert in den sogenannten Harten- und Lindenhändel - einem besonders saftigen Stück Zuger Geschichte.

Stadtarchivar Christian Raschle lenkte die Aufmerksamkeit auf einige bemerkenswerte Spuren der Zurlauben, die in einem kleinen Umkreis um die Kirche St. Oswald zu finden sind. Und er half diese zu lesen, wie im Falle des Zurlauben-Wappens von 1710 über dem Türstoss beim Pfrundhaus – das Wappen als eine Art moderne Familienvisitenkarte, die Auskunft gibt über Herkunft, Karrriere, gesellschaftliche Position und die zu einem guten Teil mehr der Selbststilisierung als nüchterner Information diente. Dass dem so ist, schmälert die Bedeutung nicht. Im Gegenteil. Die Wappen zeigen, was damals zählte, was Prestige verschaffte.

Eine weitere kleine Entdeckung für weniger Kundige war das Grab des letzten Zurlauben, Beat Fidel, neben dem Beinhaus von St. Oswald. Der Grabstein widerspiegelt auf eindrückliche Weise, welch gewaltiger Bruch die französische Revolution war - mit Auswirkungen bis nach Zug. Der einstige Baron de Zurlauben ist im Tod 1799 zum simplen Citoyen geworden. Der Geist der Helvetik wehte auch hier. Und es war nicht der einzige Schlag, der die Helvetik dem letzten Spross des Adelsgeschlechts versetzte.

Diesem vielleicht bedeutendsten Vertreter der Zurlauben, dem Generalleutnant und passionierten Militärhistoriker Beat Fidel Zurlauben, beziehungsweise der berühmten Zurlaubiana galt das Interesse des Publikums im Festsaal des Zurlaubenhof, wohin alt Stadtschreiber Albert Müller führte.

Schwergewichtige Folianten gaben einen Eindruck in die gewaltige Sammlung, die über 50 000 historische Akten aus dem Besitz der Zurlauben umfasst.

Albert Müller führte mit Witz durch eine, angesichts der Fülle von Themen, nicht zu bewältigende Aufgabe. Beeindruckend die akribische Editionsarbeit, die seit über 20 Jahren durch ein Team von Wissenschaftern geleistet wird - eine eigentlich Parforceleistung, welche die Quellensammlung zur frühen Neuzeit nicht nur für ein wissenschaftliches Publikum zugänglich gemacht hat.

Und wie kam die Zurlaubiana eigentlich ausgerechnet in die Kantonsbibliothek nach Aarau? Albert Müller erzählte, wie das gigantische Sammlungsgut des Aristokraten Zurlauben in den Wirren der Gründungszeit der Helvetik von deren Bildungsminister Philip Albert Stapfer beschlagnahmt wurde mit dem Hinweis, die für die vaterländische Geschichte wichtige Sammlung dürfe nicht ins Ausland gehen. Sie sollte vielmehr, so der visionäre Stapfer, dereinst als Grundstock für eine Schweizer Nationalbibliothek verwendet werden.

Nicht zuletzt konnte man sich aber einmal mehr der Aura dieses einzigartigen Festsaals überlassen und die Bildzyklen zur Schweizer Geschichte sowie die Portraits der französischen Könige, den einstigen Schirmherren der Zurlauben, betrachten.
 

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