ZUGER PRIVILEG
 

Wenn Gewalt zur Lösung wird, 20. Oktober 2009


Harald Welzer
20. Oktober 2009 in der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz / Zug


Vielleicht besteht die grösste Gefahr darin, dass wir die Gefahr verdrängen. Als Beispiel dafür zeigte Harald Welzer eine Seite aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf der eine Kurzmeldung über das dramatische Abschmelzen des Eises in der Arktis direkt neben der Nachricht stand, dass Boris Becker sich seinerzeit in einem Londoner Hotel nicht in einer Besenkammer mit einer Dame vergnügt habe, sondern in einem Treppenhaus. Beide Meldungen stehen gleichrangig nebeneinander. Sie sind damit buchstäblich gleich-gültig.

Diese Blindheit für ökologische Handlungsfolgen ist kein Phänomen der Neuzeit. Welzer berichtete davon, dass die Bewohner der Osterinsel im Südostpazifik, die politisch zu Chile gehört, in einem Zeitraum von 800 Jahren ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört haben. Als westliche Seefahrer – unter ihnen Kapitän Cook – die Insel im 18. Jahrhundert entdeckten, waren die wenigen verbliebenen Einwohner, wie Cook 1774 notierte, „ klein, mager, ängstlich und elend“. Ausser Ratten und Hühnern gab es keine Tiere. Statt dessen stiessen die Besucher auf überdimensionale Steinskulpturen. Archäologen haben inzwischen herausgefunden, was sich seit 900 n. Chr. auf der Insel abgespielt hat. Die damals 20.000 bis 30.000 Bewohner waren in 11 bis 12 Sippen aufgeteilt. Diese wetteiferten darum, wer die grössten Skulpturen hervorbringt. Die grösste war 21 Meter lang und wog 270 Tonnen. Um die Steine zu bewegen, benötigte man Holz. Also wurden die Wälder bis auf die letzte Palme abgeholzt.

Diese Geschichte, die auch Jared Diamond in seinem Buch „ Kollaps“ erzählt, erinnert fatal an den heutigen Umgang mit Ressourcen. Ein Verhaltensmuster scheint unveränderbar zu sein: Wenn eine Gesellschaft merkt, dass es rückwärts geht, intensiviert sie die alten Methoden. Man ändert nicht die Richtung, sondern strengt sich einfach mehr an. Wer warnt ernsthaft vor den Folgen? Harald Welzer ist Sozialpsychologe und verwies in dieser Eigenschaft auf die Tatsache, dass sich die Sozialwissenschaftler nicht mehr an Prognosen heran wagen. Denn sie haben den Epochenwandel von 1989 in keiner Weise vorhergesehen. Interessanterweise ist es wiederum das amerikanische Militär, das – neben den Klimatologen - die Folgen des Klimawandels im Detail analysiert. Denn die Folgen sind für die amerikanischen Streitkräfte gravierend: Stützpunkte der Flotte müssen verlegt werden, überhaupt sind die Schiffe in den Häfen aufgrund häufiger Stürme gefährdet, und die Kampfflugzeuge können nicht mehr längere Zeit auf den Decks der Flugzeugträger geparkt werden.

In seinem Buch „ Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ prognostiziert auch Welzer einen gravierenden Wandel. Denn die gewaltsamen Auseinandersetzungen um knapper werdende Ressourcen nehmen zu. Den ersten Klimakrieg erkennt Welzer im Darfur-Konflikt. Der tiefste Grund liegt nicht in ethnischen Konflikten oder schlicht darin, dass arabische Reiter-Milizen marodieren. Vielmehr wird das fruchtbare Land immer weniger, und Bauern und Viehzüchter müssen darum konkurrieren. Dabei geht es um das nackte Überleben. Die Europäer sehen zu wenig, dass die Bootsflüchtlinge unter den Elenden der so genannten 3. Welt noch vergleichsweise privilegiert sind – sie können immerhin das Geld für die Schlepper aufbringen. Und sie sind hoch motiviert. Sie stellen Eliten dar. Man sollte ihnen Chancen geben und ihre Kräfte nutzen, anstatt sie mittels Organisationen wie der Frontex, die im Namen der Europäischen Union handelt, abzuweisen. Die Frontex – von frontieres exterieures - wird sorgsam von der Öffentlichkeit abgeschirmt und handelt weit im Vorfeld, um Flüchtlinge gar nicht erst an die Aussengrenzen Europas gelangen zu lassen.

Welzer prangerte an, dass die Europäer gegenüber den afrikanischen Flüchtlingen „Gewalt delegieren“ und zur Erzeugung des Biosprits „ gewaltsame Landnahme“ betrieben. Damit tragen auch sie zur Verbreitung der Klimakriege bei. Hinter dieser Haltung steckt für Welzer die Weigerung, die Wirklichkeit so, wie sie ist, anzuerkennen. Denn man scheut die nötige tief greifende Veränderung. Statt dessen werden die Ressourcen weiterhin übernutzt, und wenn das Geld nicht reicht, wird es eben geliehen. Welzer sieht hierin einen Zusammenhang zwischen der Umwelt-und Finanzkrise. Wenn die Ressourcen der Umwelt nicht mehr reichen, leiht man sie sich gewissermassen aus der Zukunft.

Zusammen mit dem Politologen Claus Leggewie hat Welzer ein Buch über „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ geschrieben. Darin versuchen beide, über die Problemanalyse hinaus Wege zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung aufzuzeigen. Sie sehen diese Änderungen in den zahlreichen kleinen Initiativen für eine bessere Nutzung der Energie, in veränderten Lebensstilen und grundsätzlich in der „Repolitisierung der Zivilgesellschaft“. Denn die Politik sei derzeit in den Talkshows versickert. Die Repolitisierung wird von der Frage begleitet: „Was ist lebenswert, wie wollen wir leben?“ Angetrieben wird diese Frage um den unausweichlichen Konflikt der Generationen um die knapper werdenden Ressourcen in unserer Gesellschaft. „Denn Generationenkonflikte sind die stärksten Auslöser gesellschaftlicher Veränderungen.“


Stephan Wehowsky
 

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