ZUGER PRIVILEG
 

«Syra – Dächli-Leni goes to Hollywood», 30. Oktober 2010


Zuger Privileg auf den Spuren des Dächli Leni: Der Film „Syra Marty“ zeigt eine Innerschweizer Erfolgsgeschichte: Mit viel nackter Haut und einer fast ewigen Jugend.

Eine schöne Frau aus dem hintersten Winkel bringt es zu Weltruhm: Ihre Geschichte ist gleichzeitig Märchen und Einblick ins Psychogramm einer verflossenen Zeit. Es ist die Geschichte einer unbändigen Leidenschaft, eines Ausbruchs aus allen Beschränkungen, über alles Mögliche hinaus: "Syra Marty: Dächli Leni goes to Hollywood" heisst der Film von Roger Bürgler, den sich die Mitglieder des Vereins Zuger Privileg an diesem sonnigen Samstagmorgen anschauen.

Leise Tragik

Mit Genuss: Es steckt Erzähllust in den Bildern, die Bürgler von der Schönheit der Josefina Magdalena Marty entwirft: Vom Tanz im Rigi-Dächli, von jungen Männern, die mit dem Leni anbandeln wollten: "Eine Stunde bin ich zum Tanz gelaufen", hört man die scharfe Stimme der alten Dame Marty berichten. Fürs Tanzen geht „Dächli Leni“ weit. Bis nach Zürich, nach Hollywood, nach Acapulco, nach Naples. Im Gehen liegt auch der Anfang leiser Tragik, auf dem Fussweg nach Hause. Der nette Herr, der die Sechzehnjährige im Auto mitnimmt, ist keiner, und sterben möchte sie nicht, auf der Rückbank seines Autos, darum sei es so leicht für ihn gewesen.

Cary Grant: Langweilig.

Keine Sekunde lässt der Film die Vergewaltigung als auslösendes Moment Übergewicht bekommen, nur im Nebensatz findet sie Platz. Ihr Gegenüber steht eine gewaltige Lebenslust: Wenn Syra von ihrem Leben berichtet, ist es mit Schalk. „Ich habe Grössenwahn!“, sagt sie und lacht rauh und ansteckend. Sie spricht über ihren Mann Billy Frick mit Zuneigung und ohne Schonung, ebenso wie über Cary Grant. Und über all den Champagner, der in Blumentöpfe gekippt werden musste, damit die von Verehrern belagerten Tänzerinnen nicht zu viel zu trinken brauchten.
Der Film ist unbeschwert im Aufbau einer Karriere, der einiges an Kreativität zu Grunde liegt: Als erfundene „Miss Switzerland“ stand Syra auf der Bühne in den USA, als „The Swiss Doll“ und „Miss Swiss Cheese“ tanzte sie mit Fächern und nicht viel mehr, begeisterte Könige und entsetzte deren Ehefrauen. Kreativität, die auch Billy Frick geschuldet ist, wie Syra erzählt, „nachtlose Schläfe, äh, schlaflose Nächte hatte er.“ Jedes zweite Wort in Syras Vokabular ist ein Englisches; Dächli Leni ist komplett Ausnahmefall geworden, hat sich den sturen Kopf behalten und den Wunsch nach Stil: Umringt von Bildern einer Jugend, die vierzig Jahre länger gedauert hat, dank charmanter Passfälschung und Entschlossenheit. „Bis 60“, sagt Marty grinsend, „war ich noch Jung.“

„Zeig mir deine Schwester!“

Die junge Leni geht nach Zürich, tanzt im Niederdorf, ist wunderschön, so schön, dass ihre Aktphotos heimlich herumgezeigt werden im Goldau. Auch der Bruder, Alois Marty, trägt eins mit sich. „Zeig mir noch Mal deine Schwester“, heisst es dann. „Der Vater war schon etwas dagegen“, sagt Alois rückblickend und lacht, „dann hat er aber eingesehen, das es ihr dabei gut geht.“ Bürgler lässt nur leise Zweifel an der Selbstbestimmtheit Syras aufkommen, wenn klar wird, wie zweckmässig die Ehe gestaltet war. Die alte Dame Marty aber erzählt ohne Reue, offenbar gibt es keinen Grund dazu. Syra Marty steht in ihrem „Paradies“, in Naples, am Meer und sagt, „In meinen Gedanken bin ich immer noch eine junge Tänzerin.“  

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