ZUGER PRIVILEG
 

Ein Abend ohne ein gesprochenes Wort, 23. November 2010


Es soll ein sprachloser Abend werden, im Burgbachkeller; „Bitte Ruhe!“, schreibt der Initiant aufs Präsentierpapier, und will umblättern, da rufen schon die ersten aus dem Publikum; „Können wir bitte erst noch lesen?“ und „er ist ja nicht unsichtbar“. Ist er nicht, Heiri Scherer, der Präsident des Vereins Zuger Privileg, aber um das geht es hier nicht; Ums Still sein geht’s, und es wird an diesem Abend mehr gesprochen und geflüstert werden, mehr gemauschelt und gemurmelt, denn je. Zu verlockend ist die wortlose Stille, auch für die Mitglieder des Vereins, die für ein Mal depriviert werden sollen, auch ein Privileg. Insofern ist der Abend selbst Kunstaktion, die sich mit den drei Künstlern blossen Rahmen gibt; Der Gehörlose Tony Koller will, so der Plan, dem Publikum in Gebärdensprache einen Witz erzählen, nur, so einfach ist es nicht, „Herr Koller ist noch nicht da“, schreibt man aufs Papier, Verspätung hat er oder den Termin vergessen, weiss man noch nicht. Damir Dantes jedenfalls, der Pantomime, ist da, und wie. Das Gesicht ist klassisch weiss, aber brachial, die Zähne dunkel darunter, die Augen aufgerissen, wie ein japanischer Krieger, und dann; liebevolle Miniaturmimik plus heftiges Augenaufreissen, keine Boschaft bleibt unverstanden, die Klassiker der Pantomime werden breitgelatscht, auf charmante Weise, der festgefrorene Koffer, der schwere Hut, das Treppensteigen. Nur ist die Treppe eine Rolltrepe, und Dantes saust so elegant herunter, dass sich das Publikum den Witz sechs Mal gefallen lässt und immer noch begeisterter klatscht.

Gutes Revoluzionistenmaterial

Sprache ohne Worte ist pure Emotionalität, eine, die man unter viel Gespräch zu vertuschen gewohnt ist. Die pantomimische Überzeichnung ist ein alter Spiegel, den eigenen Ausdruck fast bis zur Unkenntlichkeit karikiert zu sehen löst keine Scham aus, im Gegenteil: Die Nummer mit den zwei verliebten Händen, die eigentlich Blumen sind oder so, und sich nur sehr schüchtern annähern, ist so zärtlich, noch lange nach der Vorstellung wird der eine oder andere sie nachzuspüren versuchen.
Herr Koller ist immer noch nicht da, „wir hoffen, es ist nichts passiert“, liest das Publikum laut mit, aus vergnüglichem Trotz, um des Redeverbotes willen. Gäbe es keine Pressefreiheit, die Mitglieder des Zuger Privilegs wären gutes Revolutionistenmaterial. In der Zwischenzeit freuen sie sich über Charlie Chaplins Sieg über alle widrigen Umstände in „a dogs life“, dramatisch, klamaukhaft und sanft vertont von Ruth Bieri; Der Film ist der Slapstick gewordene Traum vom plötzlichen Millionengewinn, der Hund rettet alles, soll die spiessige Welt rundherum ruhig zugrundegehen, zwischen prügelnden Polizisten, betrunkenen Bonzen und skrupellosen Gaunern: So stilsicher verschmilzt Bieris Spiel mit den Bildern, bald vergisst man, dass der Ton fehlt, vergisst, dass überhaupt jemand spielt. Der konstante Musikfluss und Bieris Gespür für den Moment und die überzeichneten Emotionen auf der Leinwand, alles zusammen findet zielgenauen Eingang in die eigene Befindlichkeit. Spätestens jetzt wird klar, Herr Koller kommt nicht mehr. Und fehlt auch nicht.  

Anlass drucken