ZUGER PRIVILEG
 

GV Zuger Privileg, 01. März 2011



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Gebucht, der rote Pfeil.

Unten in der Halle ist einiges los, im Restaurant Brandenberg. Gäste freuen sich lautstark aufs Essen. Oben im Saal geht es um ganz anderen Genuss: Es ist Generalversammlung des Vereins Zuger Privileg, lange Tischreihen voller Mitglieder sind beim Apéro, und gleich wird Wolfram Berger sein Programm „Karl Valentin Solo“ zum Besten geben. Zuerst aber will man wissen, was hat der Verein gemacht, das ganze Jahr. Wie steht es um das Privileg, wo ist die Kultur, was macht die Kunst? Präsident Heiri Scherer berichtet: Vom Filmabend mit Dächli-Leni, von der Lesung der Briefe des Baarer Jesuiten Martin Schmid, den es bis nach Südamerika verschlug, wo er für seine Missionierten Geigen schnitzte und Kirchen baute: „Bis ihn die Spanier rausgeworfen haben“, sagt Scherer, „die brauchten die Leute zum Arbeiten, nicht zum Musizieren.“ Der sprachlose Abend mit dem Pantomimen Damir Dantes, die Reise nach Uri, zum Älpler Franz Müller; Man hört gebannt zu im Zuger Privileg, nickt, und zustimmende Kommentare werden nur ganz leise laut, weil, man möchte den Präsidenten nicht übertönen. Und dann kommt der Ausblick aufs neue Kultur-Jahr: Die Matinée Culinaire, eine Lesung aus Otto Scherers Buch „Rübis & Stübis“, dessen 365 Kochrezepte die Kochschülerin Katharina Scherer-Baumann im Jahr 1888 mit säuberlichster Handschrift ins Reinheft gezeichnet hat. Von Max Huwyler gelesen, von Gusti Brandenberg gekocht, „wie heisst das?“, flüstert die Tischnachbarschaft begeistert, und wird grinsend und extra-elegant beantwortet: „Matinée Culinaire“. Der zweite Vorschlag erntet noch grössere Begeisterung: Mit dem „roten Pfeil“ will der Verein nach der Leventina fahren, das ist etwas teuer, deshalb wird abgestimmt: Pfeil oder Car? Zuger Privileg, keine Frage, gebucht, der rote Pfeil.

Mischung aus Erleuchtung und Dummheit

Der Verein hat zwei neue Vorstandsmitglieder zumindest provisorisch gewinnen können, und eines definitiv: Gregor Bossert, der zuvor die Revision der Vereinsfinanzen vornahm, ist neu einstimmig gewähltes Vorstandsmitglied. Und dann kommt Wolfram Berger, packt die Gitarre und fängt fünf Mal dasselbe Lied an, mit warmem Vibrato und schnellem Abbruch, und sagt: „Ich frage mich, warum können wir unsere Stimme hören, aber unseren Blick nicht sehen?“ Und dann starrt er ins Publikum, und man lacht laut, weil seine Stimme und sein Körper und seine Worte alle zusammen ihren Weg ins Gehirn finden und dort Chaos anrichten: Tut so, als wäre er Balladen-Sänger, stattdessen ist er wie Valentin ein feines aber wildes Genie und sagt gemeine Dinge wie: „Eigentlich ist alles gesagt worden – nur nicht von jedem.“ Nur um dann eine wunderbare Geschichte zu erzählen, deren viele Pointen eigentümlich sanft sind, aber auf der ganzen Strecke einwickeln und mittragen. Und Valentin, der ist überall, eine Mischung aus Erleuchtung und Dummheit, scheucht die Tauben, weil, „wenn die letzte Taube noch einen Meter weiter nach links hüpft, dann sind alle im Schatten.“ Berger richtet Unheil an mit zwei Charakteren in der Dunkelheit, die versuchen, sich zu sehen, indem sie sich nicht mehr hören können. Singt von Lorelei, die nach tausend Jahren auf dem zugigen Felsen Bronchitisch und voller Wut auf den glotzenden Fährmann dahockt. Bergers Valentin ist wohlwollend, aber auf radikale Weise: bittet er doch in einer seiner Balladen Gott, „wenn du die Menschen nicht ersoafst, dann lass sie holt erfrieren.“ Ersaufen muss hier keiner, höchstens in Bergers stimmlicher Bilderflut, und dazu gibts Weisswürste und Kartoffelsalat.
 

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