ZUGER PRIVILEG
 

Matinée Culinaire, 03. April 2011

Die Sonne leuchtet aus den all den Gesichtern, zwischen Sonntagshemden und den aufgeräumten Wänden des Saales im Brandenberg. Ums Essen geht’s gleich, so kurz vor Mittag, und darauf lassen sich die Mitglieder des Vereins Zuger Privileg gerne ein: Max Huwyler sitzt auf dem Podest, Otto Scherers Buch „Rübis & Stübis“ vor sich. Kaum setzt er zu lesen an, wird’s mausestill im Saal, kein Wort soll unverstanden bleiben. Schon gar nicht, geht es ums Frühstück, um Kartoffeln und Milchkaffee, aus dem man schlürft, bis auch die Untertasse leer ist. Oder um Hirnsuppe, fein verwiegt das Hirn mit Grünem und Weggli, „dieses Buch ist nicht zu vergleichen“, sagt Huwyler, „mit einem heutigen Kochbuch, wo nichts mehr schief gehen kann.“

Kein Wunder, stammen die Rezepte doch von Katharina Scherer, einer erst wandernden Kochlehrerin, dann die erste Frau des Grossvaters von Otto Scherer. In der Küchenschublade andächtig aufbewahrt und von folgenden Frauen mit immer noch mehr Rezepten versehen, bis es eines war für jeden Tag im Jahr. Sorgfältig in feiner Sütterlin-Schrift geschrieben, wurde es gebraucht, bis diese Schrift niemand mehr lesen konnte. Matinee Culinaire heisst der Anlass, noch hört man Huwyler gebannt zu, im Hintergrund werden schon Behältnisse und Wärmeboxen bereitgemacht, was man hört, so hofft man, das gibt’s nachher, Wurzelsuppe vielleicht, oder Fleischvögel, geträuft und gebacken, verwiegt und gehackt und bemehlt und mit Speck gespickt, und Huwyler geniesst die Worte, mit ein wenig Sarkasmus: „Zitsprung: hend sie mier es dutzend Fleischvögel?“ Dazwischen sind es Momentaufnahmen aus der Kindheit der Scherers, Otto und Heiri, der Präsidenten des Vereins Zuger Privileg, und weitere Geschwisterte, aufgeregt hinter der Hütte, in der die Sau geschlachtet wird, „zuschauen durften wir nicht.“ Dafür nacher grunzend das abgeschnittene Schwänzchen des Schweins dem Bruder ans Hinterteil halten, und natürlich; mithelfen. Das Blut in der Emaille-Schüssel, der Metzger der das Vorderbein als Pumpenschwengel benutzt. „Und wieder wetzte der Metzger das Messer.“ Dafür gibt’s Koteletten am Wochenende. Oder Blutpudding, „Guten Appetitt“, wünscht Huwyler. Es ist nicht viel an Nostalgie, den Rezepten wohnt stattdessen sinnliche Direktheit inne, ein Reichtum an Verwertungsmöglichkeit, wie dem damaligen Hof ein Reichtum an Sortenvielfalt eigen ist: „267 Apfelbäume, 65 verschiedene Sorten“, liest Huwyler aus der Hofchronik des Hofes Eiholz, „Gälmöschteler, Grüenmöschteler, Moschttrötteler, Bluemebachsbutterbire“, Huwyler schwingt sich durch die dadaistische Poesie altschweizerischer Obstnamen, 48 Kirschbäume, 30 Sorten, 80 Zwetschgten in zehn Sorten, und so fort, 719 Bäume insgesamt.

Apfelrösti macht man daraus. Und vor dem Essen soll man beten: „Alle verloren sich in abgewetzten Formeln“, liest Huwyler, „Mariafoltergnad und gebenedeit seist du unter den Leibern höhö.“ Das Publikum lacht und klatscht Beifall, und die Matinée geht über zum handfest kulinarischen Teil, Gusti Brandenberg ist vor Freude über das Buch offenbar durchgedreht und hat Katharina auf wunderbare Weise alles nachgekocht: Rindfleischsalat, Stockfisch, Vogelnestli, Apfelrösti, Sure Mocke, geschmorte Rindszunge, Hafechabis mit Rindfleisch, Rindsbraten, Lammschulter, Schweinspfeffer, Netzbraten, Spinat-Laubfrösche, Käsespätzli und Segerklösse und so viel mehr, dass für die Mitglieder des Vereins erst mal gesättigtes Fasten angesagt ist, wohl bis Ostern.

Anbei können sie die Lesung von Max Huwyler als mp3 Datei und den aufgeführten Öpfelrapp als PDF downloaden.
Lesung Max Huwyler (77 MB)
Öppfelrapp Max Huwyler (40 Kb)

Am 6, April, ganze 3 Tage nach unserer Matinee, ist Gusti Brandenberg gestorben.
Wir danken Gusti für alles, was er für das Zuger Privileg gemacht hat.
Er wird uns allen in Erinnerung beiben. Wir trauern um ihn. 

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