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Traditionelle und moderne Musik aus Japan, 27. Juni 2011


Tadao Sawai: Tori no yoni
“Wie ein Vogel” wurde 1985 komponiert. Der Traum, wie ein Vogel fliegen zu können, ist einer der ältesten der Menschheit. Meist ist es ein abstrakter Gedanke; durch die Musik wird er zum Erlebnis, und wir können uns vorstellen, wie ein Vogel die Lüfte zu durchstreifen.



Chidori no Kyoku 千鳥の曲
“Das Lied vom Regenpfeifer”. Zwei Gedichte werden in diesem Stück gesungen, die den alten Gedichtsammlungen aus der Heian-Zeit (794 – 1185) entnommen sind. Beide Gedichte werden getrennt durch ein Tegoto, ein instrumentales Zwischenspiel. Die Musik wurde komponiert von Yoshizawa Kengyo II (1808-1872).
Beim Shio-Berg
Auf den ins Meer ragenden Felsen von Sashide
Nisten die Regenpfeifer.
Des Kaisers erlauchtes Leben möge
Achttausend Generationen währen, so rufen sie!
(Tegoto)
Zur Insel Awaji
Fliegen hin und her die Regenpfeifer;
Ihre gellenden Rufe:
In wie viel Nächten schon weckten sie
Den Wächter am Grenzposten von Suma!



Shakuhachi Honkyoku: Akita Sugagaki 秋田菅垣
Auf seinen Wanderungen als Bettelmönch durch das Land lernte Kurosawa Kinko (1710 – 1770) dieses Stück in Akita, einer Stadt im Norden von Japan, vom Mönch Baio. Anklänge an die eigenständige Volksmusik in dieser Region sind unüberhörbar.



Kuro Kami 黒髪
“Schwarzes Haar” entstand gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Der Komponist ist unbekannt.

Dieses Kopfkissen teilend
Haben wir die Nacht verbracht
Da ich mein schwarzes Haar öffnete
Alleine zu schlafen macht mich traurig
Nur bedeckt von meinem einfachen Gewand
Und doch – «du bist mein», sagte er mir

Der Klang der Tempelglocke in der stillen Nacht
Sie kennt das Herz eines einfachen Mädchens nicht

Erwachend aus öden Träumen
Am Morgen
Wie rührend, wie hilflos ist meine Sehnsucht
Ohne es zu bemerken
Ist silberner Schnee gefallen.



Tadao Sawai: Yomigaeru Itsutsu no Uta
“Wiederkehr der Erinnerung” bezieht sich auf fünf Gedichte, die der Sohn des Komponisten im Knabenalter geschrieben hat. Drei dieser vertonten Gedichte werden aufgeführt.



Shakuhachi Honkyoku: Monbiraki 門閲
Kaum etwas ist bekannt über diese Stück. Es wird in Verbindung gebracht mit dem Tempel Itchoken in Hakata (Kyushu) und existiert im Gegensatz zu den meisten anderen Honkyoku nur in der Tradition dieses Tempels.



Kaede no Hana楓の花
„Ahorn-Blüten“, eine Komposition von Matsuzaka Hakue (1854–1920) gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Geschildert wird der Frühling in den Hügeln von Arashiyama bei Kyoto.

Die Blumen um Arashiyama sind noch nicht verblüht
Vom Wind aufgewirbelt, mischen sie sich
unter die blassgrünen Wipfel der Kiefern.

Junge Forellen springen über die Deiche
Und tauchen schnell in tiefes Wasser
Wie wunderbar ist der Gesang der Frösche
Der klar zu hören ist am Ufer des Flusses Oi.

Flussauf, in der Entfernung, ruft der Kuckuck
Zum ersten Mal in diesem Jahr.
Lasst uns mit dem Boot nach Tonase fahren
wo die Azaleen an den Felsen blühen.


Die Ursprünge der Musik für Koto und Shakuhachi können bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Diese Musik wurde von blinden Spielern gepflegt und übermittelt, sie gelangte in privaten Konzerten und in Vergnügungsetablissements zur Aufführung.
Die Struktur dieser Stücke ist im Wesentlichen einstimmig. Beide Instrumente spielen dieselbe Melodie, jedoch mit Variationen, wie sie für Koto und Shakuhachi charakteristisch sind. Es ist deutlich zu hören, dass die Einstimmigkeit nicht ganz eindeutig ist. Die einzelnen, unisono spielenden Stimmen ergeben keine absolut deckungsgleiche Homophonie. Man spielt zwar das Gleiche, aber nicht zur gleichen Zeit. Diese minimalen Verschiebungen, die den europäischen Ohren wie schlampiges Musizieren klingen, sind in Wirklichkeit «hoch organisierte Ungenauigkeiten». Es ist leicht vorstellbar, dass diese Verschiebungen, überschreiten sie ein gewisses Mass, den Stimmen eine Form von Selbständigkeit verleihen.
Vor dem übermächtigen Hintergrund der Einstimmigkeit war die Mehrstimmigkeit in der japanischen Musik eine Randerscheinung, die nie ernsthaft und über längere Zeit verfolgt wurde. Auch die geringe Anzahl zweistimmiger Stücke deutet darauf hin.
Eine der grossen Kulturleistungen Japans ist die konsequente und sehr weit vorangetriebene Entwicklung der Einfachheit als Gegensatz zur Komplexität. Es ist kein Widerspruch, dass diese Einfachheit mit grossem Raffinement einhergeht. Dieses besteht im Elaborieren des mikrotonalen Bereiches sowie der Klangfarben von Instrument und Stimme. Es ist einleuchtend, dass eine zweite Stimme diese subtilen Eigenschaften der Musik eher stört als bereichert.



Naoko Kikuchi

Geboren in Sendai, begann sie im Kindesalter bei Grossmutter und Mutter zu lernen. 1989 wurde sie Schülerin von Tadao und Kazue Sawai. Als Studentin der Sophia Universität in Tokio nahm sie im Ensemble ihrer Lehrer an einer Welttournee teil, die sie nach Österreich, in die Ukraine, nach Russland, in die Schweiz, Deutschland und Frankreich sowie nach Mittel- und Südamerika führte. Sie wurde vom japanischen Kulturministerium als Schülerin gefördert und gewann verschiedene Wettbewerbe, gefolgt von Aufnahmen für CDs. Ihre Arbeit umfasst ein weites Spektrum, traditionelle und zeitgenössische Musik, sowohl Auftragskompositionen an und die Zusammenarbeit mit Komponisten als auch im weiteren Rahmen Projekte mit Tänzern und Schauspielern sowie in der Improvisationsszene. Ihr Repertoire kann als umfassend angesehen werden. 2007 erhielt Naoko Kikuchi das Stipendium der japanischen Regierung für einen Aufenthalt im Ausland, das sie als Studentin der Akademie des Ensemble Modern in Frankfurt verbrachte, um ihre Kenntnisse der zeitgenössischen Musik zu vervollständigen.
Heute lebt sie in Frankfurt am Main, unterrichtet dort und in Japan.
www.naokokikuchi.com



Wolfgang Hessler
Wolfgang Hessler gehört zu einer modernen Generation von Musikern, deren Ausbildung und Betätigung nicht mehr nur der Musik einer Kultur gilt. Aufgewachsen in München, absolvierte er ein Kontrabass-Studium bei Herbert Duft an der dortigen staatlichen Musikhochschule und schloss mit dem Meisterklassenpodium (Solistendiplom) ab. Darauf folgte, zum Teil noch während der Studienzeit, ein dreijähriges Engagement im Orchester der Bayerischen Staatsoper (Nationaltheater München) sowie die Mitwirkung bei Konzerten und Tourneen der Münchner Philharmoniker und des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks.
In der Schweiz begann Wolfgang Hessler das Studium der japanischen Bambusflöte Shakuhachi in der Tradition der Kinko-Schule bei Dr. Andreas Gutzwiller im Studio für aussereuropäische Musik an der Musikakademie Basel. Mehrere Reisen und Studienaufenthalte in Japan führten ihn zu Kawase Junsuke III, dem Oberhaupt der Zenkoku Chikuyusha in Tokio. Dieser bestätigte ihm 2002 im Rahmen der Shihan-Menjô-Zeremonie die Tradition, übertrug ihm die Lehrerlaubnis und verlieh ihm den Namen Fuyûgen. Dazu nahm Wolfgang Hessler Unterricht bei Nobuhisa Ikkei Hanada in der Tradition des Tempels Itchôken in Hakata / Kyûshu.
Wolfgang Hessler lebt und unterrichtet in Zürich, tritt in Konzerten und Rezitals der traditionellen japanischen Musik (Honkyoku und Gaikyoku) sowie mit Improvisationsensembles auf.
Beeinflusst von Sergiu Celibidache, geprägt von der Praxis des Shakuhachispiels als Konzentrations- und Atemübung der Fuke-Mönche im alten Japan, gilt seine Beschäftigung der geistigen Dimension des Musizierens. Konzepte, Konstrukte und jeglichen Willen beiseite lassend ereignet sich Musizieren so in inhaltsloser Wachsamkeit und Konzentration, geleitet vom eigenen Atem und den schier unerschöpflichen klanglichen Möglichkeiten der Shakuhachi.
Es spielt. Dies ist auch der westlichen Musik nicht fremd, nur weiss das heute kaum noch jemand.
www.komuso.ch

 

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