ZUGER PRIVILEG
 

Glüüt, 11. Juni 2012



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Das Zuger Privileg unternimmt einen Ausflug in die innere Heimat. Dahin kommt man besonders schnell mit Kuhglocken.

Der Schlag ist hell, dann beginnt die Wand zu schwingen, der Bordunton kommt dazu, tief und schwebend, darüber fliegen die Obertöne: Hannes Moor lässt seiner Glocke Zeit, bevor er mit dem Vortrag anfängt, und hier in der Ziegelei in Baar ist viel Platz für lange Töne. Den braucht es auch, für ein richtiges "Güüt", und richtiger als das Glüüt von Moor kann es fast nicht werden: "Charles Schopfer war der Stradivari der Glockengiesser", sagt der Saanentaler, einer, der im im Winter, bei Vollmond und bei Föhn die besten Glocken produzierte. Und den gelungenen Guss zu Feiern wusste: "Auch wenn es ihm den Vorwurf der Quartalssäuferei einbrachte." Verständlich, denn hinter so einem Glockenspiel steckt jede Menge Fingerspitzengefühl: "Der Ehrgeiz der Giesser ist, dass die Glocke fertig aus dem Sand kommt", sagt Moor, "und dass nicht nachgeschliffen werden muss." Dabei muss die Glocke nicht nur an sich gut klingen, das heisst, die einzelnen Töne, die in der Glocke schwingen, müssen zusammenstimmen, sondern sie muss auch zum Rest des "Glüüts" passen: 7 oder 8 Glocken, die jeweils in zwei oder drei Tönen klingen. Wie das geht demonstriert Moor ohne Skrupel und bricht unvermittelt in reichen Obertongesang aus: Eine Stimme, viele Töne. Damit die richtigen Töne zusammenkommen brauen die Giesser nach Geheimrezepten die "Glockenspeise", also das gussbereite Metallgemisch. Dabei kommt es nicht nur auf metallurgische Qualitäten an: "Wahrscheinlich haben sie mittlerweile gemerkt, dass ich manchmal etwas daneben bin", sagt Moor und legt flugs eine Folie auf mit den Tönen des Universums und erklärt den Wohlklang des Kuhglocken-Geläutes anhand kosmischer Skalen, Planeten und Elementen. "Man erzählt sich, Charles Schopfer habe in seine Glocken einen Silbertaler eingegossen. Böse Zungen behaupten, diese Silbertaler seien allesamt seine Kehle runtergeflossen, in flüssiger Form versteht sich."

Moor stattdessen hat in seine Glocken Erde von Kornkreisen eingiessen lassen, sagt er und die Mitglieder des Zuger Privilegs schmunzeln ob der eklektischen Esoterik, aber dann schlägt er die Glocke an, eine mit Silbertaler, eine mit Kornkreis-Erde und eine ohne Zusatz, und die drei klingen komplett anders, obwohl dasselbe Modell gegossen wurde. "Jede Glocke hat ihre Persönlichkeit." Moor spricht mit dem ungehobelten und trotzdem weichen Charme dieser Sprache, die Berndeutsch ist und auch französisch, beidem die schönsten Teile abringt, eine Sprache, die wie das Geläute einer weidenden Kuhherde etwas Inneres anspricht. Das Bimmeln und Schaben und Schlagen und Klingen dieser seidig schimmernden, bronzenen Halbkugeln, Töpfe und Klangkegel, es ist archaisch und wild und wirkt beruhigend für die Seele. Und ist nützlich: "Ein Bauer weiss anhand der Glocken immer, was seine Kühe gerade treiben. Ob sie grasen oder herumrennen." Deshalb muss das Glüüt vor allem dem Bauern gefallen. Und den Kühen: Ob die nicht taub werden, wenn sie den ganzen Tag Glocken um den Hals tragen, fragt eine Zuschauerin. "Die lieben ihre Glocken", erwidert Moor, "es gibt viele Geschichten von Kühen, die ihre Glocke wiederhaben wollten." Sagt er und erzählt von Kühen, die sich um einer Glocke willen zu Tode gestossen haben. Oder dem Muni, der immer dem Zaun zur Weide der jungen Rinder entlangstrich; "Man meinte schon, eines der Rinder wäre stierig. Bis man merkte, dass eines die Glocke des Munis trug. Sobald er es wieder bekommen hat, hat er sich nicht mehr für die Nachbarsweide interessiert."
 

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