ZUGER PRIVILEG
 

Commedia und Einladung, Dante zu hören; Stefan Zweifel im Gespräch mit Kurt Flasch., 09. Oktober 2012


«Die durch die Höllen gehen» oder «Ein kundiger Führer durch die Hölle…»
Fünf – sechsundzwanzig – dreiunddreissig! Dreizehneinhalb!
Mögen diese Zahlen nichts sagen; nach diesem Abend war sie jedem klar.
Angefangen hat alles im April 1999 – Dreizehneinhalb!:
Da kam ein gewisser Kurt Flasch ins Centro Italiano in Zug und begeisterte das Zuger Privileg mit seinen Ausführungen zum Dekameron des Boccaccio.
Das Privileg war begeistert, diesen Kurt Flasch wollten wir wieder hören, sehen, erleben! Umso mehr, als dass er 2011 ein neues Werk veröffentlicht hat:

Commedia und Einladung, Dante zu lesen

Kurt Flasch, 1930 in Mainz geboren, ist Philosophie-Historiker, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Lange war er tätig an der Universität Frankfurt am Main für Philosophie, Geschichte, Gräzistik und Germanistik, später auch an Ruhr-Universität Bochum. Er hielt viele Gastvorlesungen in halb Europa, so auch in Wien und an der Sorbonne. Er ist Ehrendoktor der Universitäten Basel und Luzern
Er ist auch Mitglied, der Accademia Nazionale dei Lincei, der ältesten noch bestehenden Akademie der Welt, deren Mitgliedschaft die höchste akademische Ehre ist, die in Italien vergeben wird. Er wurde geehrt mit vielen grossen Preisen, darunter auch dem Joseph Breitbach-Preis. 2010 hat er den Philosophie-Preis Tractatus erhalten, der für eine Denk- und Schreibweise vergeben wird, die schwierige Fragen in lesbare Form bringt.

Den Zürcher Publizisten, Übersetzer und Journalisten Stefan Zweifel bezeichnete das Literarische Colloquium Berlin als Verkörperung des rar gewordenen Typus des eigensinnig leidenschaftlichen Kritikers und verlieh ihm auch gleich den Berliner Preis für Literaturkritik. Mit ihm konnte ein feinfühliger und feinsinniger, aber hartnäckiger und humorvoller Moderator für den Abend gewonnen werden.

Bei der Einführung meint Zweifel, dass wir spätestens nach der Lektüre der Flaschschen Lese-Einladung und natürlich der Commedia endlich wüssten, wie es in der Hölle zugeht! Und erklärt sogleich, dass Flaschs Einführung wie auch seine Kommentare schlicht und einfach helfen, dass man sich nicht ganz «so blöd» vorkomme bei dieser Jensseitsreise im Diesseits.
Mag dies nun auch etwas banal oder lächerlich klingen, Kurt Flasch greift nach diesem Faden der Aussage und erklärt das Ziel seines Werkes, schlägt überraschend leicht einen Bogen von Meister Eckhart, dem spätmittelalterlichen Theologen, Mystiker und Philosophen, zu den beiden Lyrikern Stefan George und Rudolf Borchardt. Inspiration und Vorgehensweise bei der Übersetzung sind die drei für ihn und er klärt in einfacher, verständlicher Weise seine eigene Orientierung an deren Schaffen auf.
Keine «Professorensprache» sollte es sein, keine Übersetzung im klassischen Sinne, nein, Klarheit in der Übersetzung vor allem. Poetische Worte in der deutschen Sprache finden - um Himmels Willen bloss keine Reime übersetzen! «Ja, aber Dante hat doch in Reimen…» – Diesen Widerspruch lässt Flasch nicht gelten und seine Aussage überzeugt jeden: «Es gibt in der deutschen Sprache keine wohlklingende Endung für viele dieser Worte, die Dante gezielt einsetzt!» Er habe seine eigenen Grenzen gefunden und: Die richtige Form ist die Prosa!

„Wie lange er denn in der Hölle der Übersetzung geschmort habe?“ lautet Zweifels Frage, die wohl jedem im Brandenberg-Saal auf der Zunge lag. So ein Werk, beinahe wagt man den Ausdruck „allumfassend“, wird wohl kaum nebenbei aus dem Ärmel geschüttelt.
Wer, wie Flasch, scholastisch geprägt ist, wägt immer wieder ab, geht methodisch genau und gründlich an diese Arbeit heran, aber von verschiedenen Seiten her. Er stellt immer und immer wieder Fragen und alles in Frage, sucht Antworten und überarbeitet sie.
Und als Flasch in die Runde schaut und meint, dass er sich schon an Aristoteles orientiere, der meinte, dass alle Menschen von Natur aus nach Wissen streben, da ist man überzeugt, dass die Arbeit gedauert hat. Wie lange also?
Fast ein Jahrzehnt hat er an seinem Werk gearbeitet; nun ja, meint er, netto vielleicht zwei Jahre….
Allerdings ohne die immer und immer wieder angefangenen Übersetzungen zu rechnen, die er bereits fünfzehn Jahre vorher für sich ganz alleine – sozusagen als Herausforderung – angefangen hatte.

Flasch gibt auf Zweifels feinfühlige Fragen hin Auskunft über seine Wurzeln, sie reden über Religiosität und Glauben; wir erfahren ganz weniges über seine ganz persönliche Geschichte, deren Auswirkungen diesen Menschen wohl bis heute treiben und ganz wohl auch nach beinahe siebzig Jahren noch peinigen. Ein berührender Moment, der diesen Wissenschaftler, Philosophen, Historiker noch näher bringt, noch sympathischer macht.

Zweifel fragt nach den Figuren in Dantes Commedia, deren Bedeutung. Flasch fasst auch dieses lose Ende und webt den Faden in den Geschichten Teppich ein. Er erklärt die «Funktion» des Führers Vergil; der Beatrice, die fälschlicherweise von theologischer Seite etwa als Synonym für die Kirche interpretiert wird. Er beschreibt einige der Personen, interpretiert kurz, weist auf Zusammenhänge hin. Schon wieder ist man gefangen in seinen humorvollen, präzisen, detailreich geschmückten Schilderungen.

Natürlich liest er – er erklärt. Ausführlich und gleichzeitig klar und einfach. Faszinierend!
Stefan Zweifel spricht aus, was wohl viele im Saal denken:
«Ich muss doch gar nicht allzu viel fragen – es läuft mit Ihnen wie von selbst».

Er erklärt die einzelnen Stufen der Vergehen, für die man in der Hölle schmoren soll:
«Verrat beispielsweise! – Das ist doch eine höchst menschliche Leistung!“

Er stellt Fragen, auf die jeder einzelne selber in diesem Werk eine Antwort suchen darf:
„Was ist ein Schatten?» – «Was bringt die Menschen zum Glück?»

Ach ja: 5 – 26 – 33
Um diese drei Canti (Gesänge) kommt man – dies der ultimative Tipp Kurt Flaschs – nicht herum.
Seine wiederholte Aufforderung: «Lesen Sie diese zur Einstimmung, bevor Sie sich ans Werk wagen!»

Als erstes Francesca und Paolos Liebesgeschichte: Die beiden sind der Wollust wegen in der Hölle sind. Achtung, die beiden wurden nach der Lektüre von «Lancelot» erst zu Liebenden! Über den Betrüger Odysseus erzählt der Canto 26. Er zerschellte mit seinem Schiff, als er über den Teil der Welt hinaussegelte, der bekannt war. Flasch meint nur, dass er aber nicht deshalb in der Hölle schmore.
Zum Schluss empfiehlt Kurt Flasch die Geschichte von Graf Ugolino, der nagte an seinen eigenen Kindern – wohlgemerkt im Hungerturm. Seine Schuld erwähnt Dante nicht sehr ausführlich, aber bis ins letzte Detail wird sein Leiden geschildert.

Der Abend schreitet fort – man könnte noch lange weiterreden, fragen, staunen, zuhören. Und spätestens jetzt stellt man sich selber die Frage: Vielleicht sollte ich mich doch an Dantes Commedia wagen!

Stefan Zweifel und Kurt Flasch einig: Die Hölle ist die Kommunikationslosigkeit!

PS.
Die Canti und die vollständigen Erklärungen sind zu finden in: Commedia und Einladung, Dante zu lesen; zwei Bände im Schuber, S. Fischer, Frankfurt a.M. 2011, ISBN 978-3-10-015339-5.

Eine sehr ausführliche und gute Rezension über Kurt Flaschs Werk ist zu finden unter: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/dante-alighieri-commedia-eine-jenseitsreise-im-diesseits-11483754.html
 

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