ZUGER PRIVILEG
 

Farbgeschichten, 07. November 2012



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Stefan Muntwyler ist ein Hexer: Er destilliert den Kanton Zug und füllt dessen farbliche Seele in die Töpfchen seines Aquarell-Kastens. Chriesisteinschwarz und Höllgrottenweiss, aus einem heruntergefallenen Stalagtit gewonnen, und sogar ein Farbton aus der Zukunft, das Stadttunnelgrau: Aus dem Zuger Untergrund gebohrt, 40 Meter tief, Stein und Schlamm, zu Pulver zermahlen und eingemacht. Es ist ein magisches Geschäft, die Beschäftigung mit der Farbe, und damit schafft sich der Verein Zuger Privileg diesmal sein Privileg gleich selber: Er hat die Zusammenstellung des ersten Zuger Aquarellkastens finanziert, deshalb kommen dessen Mitglieder heute in den Genuss einer Reise durch die Geschichten der Farbe. Und Muntwyler ist ein eigenwilliger Geschichtenerzähler, schreitet beschwörend um den tiefergelegten Tisch, der im Saal der Galvanik steht, geht hier und da in die Knie und fischt aus versteckten Schubladen seine Schätze hervor: Gelber Ocker, rote Erde, eine ganze Kiste voller Schwarz. "Vor 25 Jahren habe ich angefangen, Farben zu sammeln", sagt der Farbforscher, "damals gab es in den Apotheken riesige Töpfe mit Pigmenten. Ein Mal steckte ich meine Nase in so einen Topf und fand etwas, dass ich noch nie gesehen hatte: Ein unglaubliches Schwarz." Heute hat er ganze Kisten voller Schwarztöne: Pfirsichkernschwarz, Spinellgrau und Elfenbeinschwarz, "ist eigentlich verboten", raunt jemand in der Menge, nicht aber für Farbforscher.

Schwarz ist so alt wie die Kunst. Muntwyler trägt ein Bild durch die Reihen, ein Steinbock, gemalt in einer Höhle vor 30´000 Jahren: "Man hat die Farbe analysiert, sie besteht aus Holzkohle und Mangangestein, die mit tierischem Fett verbunden wurden." Sagt er und zeigt, wie aus Pigmenten überhaupt eine Farbe entstehen kann: Schlägt ein Ei in die Schüssel, zermösert Karminrot, ein Farbstoff, der aus Läusen gewonnen wird, und vermischt das Ganze mit etwas Wasser, schon entsteht das leuchtendste Rot, und ein heiliges zudem: "Das ist Kardinalsrot", sagt Muntwyler, es war der Nachfolger des noch teureren Purpurs.
Schöne Farben haben manchmal auch hässliche Geschichten. Bleifarbe etwa, der grosse Renner der Industrialisierung, war hochgiftig. Muntwyler erklärt, wies geht: Bleifäden werden in Töpfe gehängt, mit Urin übergossen, zugemacht und mit Mist überhäuft, für die Wärme, und dann Monatelang in einem Erdloch der Gärung überlassen. "Die ärmsten Arbeiter mussten die Fässer am Schluss öffnen, und vergifteten sich dabei schwer, neben dem Gestank." Und aus diesem Schmutz entstand das wunderbar weisse Bleiweiss. Und nicht irgendwo, sondern: "Aus Engand zum Beispiel berichtet ein Zeitzeuge: Die Frauen, die zu arm zum Heiraten und zu hässlich waren, um sich zu prostituieren, hatten keine andere Wahl, als sich in der Bleifabrik zu Tode zu schinden." Und dann geht die Farbgeschichte weiter, von leuchtendem Gummigutti, bis zu echten Brocken aus Lapislazuli. Und wer jetzt noch keine Lust hat, sich mit Farben einzudecken und irgendwas anzumalen, der ist endlich überzeugt, wenn Muntwyler seinen persönlichen Schatz hebt: "Eine Kiste, die ich in einem alten Farblager gefunden habe." Sagt er und hebelt die Nägel aus dem Deckel, während die Zuschauer langsam aufstehen, um bessere Blicke zu erhaschen. Und dann macht Muntwyler den Deckel auf, und die Gesichter der Menge beginnen zu strahlen, als wäre er Indiana Jones und die Kiste der verlorene Schatz: Ein so blaues Blau leuchtet aus dem Holzbehälter, wie noch nie gesehen, synthetisches Ultramarin, um die Jahrhundertwende hergestellt. "Eigentlich müsste man die Hände reinstecken um dieses Blau zu begreifen", sagt Muntwyler, der die Gedanken liest, und ergänzt halb lachend und halb ernst: "Aber machen sie das bitte nicht."
 

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