ZUGER PRIVILEG
 

Liederabend mit Matto Kämpf, 21. November 2012


Kämpf und Kohldampf

Durch eisige Kurven geklettert, in der Dunkelheit zwischen Wald und Panzersperre über den Zugerberg gewandert, den Mantel auf die vollen Kleiderständer. Die Mitglieder des Zuger Privilegs haben die Taxifahrt von der Gondel zum Restaurant dankend ausgeschlagen, dafür kann man jetzt ein bisschen mit der Marschdauer angeben: "He, wir hatten nur zwanzig Minuten", verkünden zwei ältere Damen stolz. Im Hintergeissboden ist die Stimmung frühwinterlich, und zwischen den Weinbestellungen hört man die Vorfreude. Man sei vor allem wegen der Älplermagronen gekommen, raunt man sich zu und grinst verschwörerisch. Weil eigentlich ist man da wegen Matto Kämpf, denn diesmal ists der richtige, steht auf der Einladung. Aber die Magronen nachher, schwere Töpfe voller Wärme, mit gerösteten Zwiebeln und Apfelmus, und man schöpft sich gegenseitig bis man nicht mehr kann.

Zuerst aber macht Kämpf Appetit: Stellt sich vor und liest im Stehen vor den Tischen seine Tiergeschichten, über morbide Experimente mit Hamsterjungen in Unterseeboten und das Wesen der wissenschaftlichen Erkenntnis ("da muss noch etwas anderes sein"). Von Papageien mit tödlicher Treue zum dummerweise aufgeschnappten Nazi-Jargon und ihrem unvermeidlichen und brutalen Ende. Es ist eine Märchenstunde für Erwachsene, und noch viel besser; Kämpf berichtet von Affen und Besuchern im Zoo, die sich gegenseitig so penetrant nachäffen, dass am Schluss keiner mehr den Überblick hat, wer jetzt eigentlich wen, bis die Direktion zum Schluss kommt, gegen die Affen muss man vorgehen. Und im Publikum ruft man begeistert, ja welche Affen denn jetzt. Kämpfs Tiergeschichten sind Menschengeschichten, und sie sind irgendwie prototypisch fürs täglich erlebte zwischenmenschliche Gewühl. Und Kämpf spricht dabei mit genüsslichem Akzent, dehnt und biegt und liest so, als wäre es ihm gleichzeitig ein auferlegtes Übel und ein Genuss, spricht seine Texte, als wären sie etwas vom Boden Aufgelesenes, dass man mit Handschuhen anfassen muss. Es sind Räubergeschichten, solche mit tolstoischer Menschlichkeit; die Jagdgesellschaft, die sich erst besäuft und dann laut ballernd in die Tundra fährt, und wenn sie doch was trifft, im Suff erst todtraurig und dann existenzialistisch wird über das arme Tier. Wunderbar. Und dann wird er frech, erfindet kurzerhand seine Kindheit per Diashow neu, inklusive Ferien in Süd-Burundi, und wird erst zum Schluss makaber. "Da gings der Grossmutter wirklich nicht mehr so gut", sagt Kämpf über das Mumienbild, und man ist ein wenig geschockt im Publikum. Kämpf geht auch an die Nieren, mit dem Helikopterpiloten, der sich so über seine Liebste freut, dass er beim Aussteigen den Kopf nicht einzieht. Und dann plötzlich ist er poetisch, wenn er seine vorgedruckten Postkarten vorliest. "Der Vorteil an denen ist, die sind schon geschrieben", sagt er und das Publikum lacht. Und am Schluss, wenn alles gegessen und gehört ist, bei der Runterfahrt in der Zugerbergbahn, wenn man noch Mal gut mit der Marschzeit angegeben hat ("nur zwanzig Minuten übrigens, aber war schon glitschig in der Kurve"), fragt man sich: Wie war das noch mal mit den Hamstern? Und wer ist dieser Bhagvan? Und warum hat man so viel Älplermagronen gegessen?
 

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