ZUGER PRIVILEG
 

Die erste Veranstaltung, 26. Januar 1999


Andreas Klinik Cham

Es gab eine Zeit, da galten Ärzte noch als privilegierter Berufsstand. Wie alle Privilegierten erregten und erregen sie die Phantasie der nicht privilegierten Zeitgenossen. Deren Sehnsüchte werden durch die Arztromane bedient. Im Urteil der Kritiker handelt es sich dabei bloss um billigen Süssstoff, Junk Food für einfache Gemüter.

Wie aber, wenn man die Sache anders betrachtet? Wenn die Millionen Leserinnen – Leser sind hier wohl in der Minderheit – sich etwas zugestehen, was die „Anspruchsvolleren“ schlicht verdrängen? Warum das Verdrängte nicht einmal ernst nehmen?

Also wurde die AndreasKlinik in Cham, eine Privatklinik wohlgemerkt, einmal mit den Romandoktoren bevölkert. Die Literaten Nicole Müller und Jürgen K. Hultenreich lasen abwechselnd Passagen aus Arztheftchen vor, während die Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Carmen von Samson ihre Analysen vortrug. Ein Arzt-Patienten-Gespräch besonderer Art: Der Rohstoff der Romane bot Anlass für feinsinnige Diagnosen: „Alles ist so, wie es im Leben sein müsste – keine grauen Nuancen, sondern klare Trennungen zwischen Schwarz und Weiss.“

Wie anziehend Arztromane sind, wurde auch am regen Zulauf dieser Veranstaltung deutlich. Ein gelungener Auftakt für das Zuger Privileg. Oder doch nicht? An wen ist denn bei der ersten Veranstaltung das Privileg gegangen? An die Arztromane oder an die Leserinnen, denen attestiert wurde: „Diese Romane bedeuten Kultur, und zwar für eine Mehrheit der Bevölkerung.“ (Carmen von Samson) Das Zuger Privileg liess diese Frage offen – und lachte sich eins. Es hatte ein Schlaglicht geworfen. 

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