ZUGER PRIVILEG
 

Schlechter Geschmack im Zuger Kunsthaus, 04. November 2002



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Kunsthaus Zug

Vorsicht Falle! Die liebende Seele ist empfindlich wie ein rohes Ei in der blossen Haut – ohne Schale. Treffend schrieb das der Hirnforscher Detlef Bernhard Linke. Und was lieben wir nicht alles!? Kinder, Ehefrauen und Ehemänner rangieren ganz vorn, aber dann drängeln sich schon die Haustiere, die Stofftiere, die Püppchen, die Bärchen, die Amulette, die Nippsachen und die Landschaftsbilder, heimelig bis zum geht nicht mehr. Kitsch!, Kitsch! rufen die Kritiker, die sich ihre Gefühle nur für Höheres aufsparen. Als könnte die Vernunft wirklich bestimmen, woran jemand sein Herz hängt. Hier wird nach dem Motto geurteilt: „Was nicht sein darf, das nicht sein kann.“ Wie die notwendigen Korrekturen anbringen?

Der Wiener Autor Konrad Paul Liessmann hat eine Lanze für den Kitsch gebrochen. Also lud ihn das Zuger Privileg ein. Natürlich ins Kunsthaus. An die Gäste war folgende Aufforderung gerichtet: „Bringt bitte euer bestes Stück mit, natürlich Kitsch.“ Hatte Adorno noch über die „Vortäuschung falscher Gefühle“ gegiftet, so goss Liessmann Balsam in die Wunden: Was heisst hier „Vortäuschung falscher Gefühle“? Nirgends sind sie so echt wie in Herzensangelegenheiten. Wer die Kälte des vermeintlichen Fortschritts attraktiv findet, bitte schön. Aber wer sich am Glück im Winkel wärmt, tut nicht Unrecht und hat nicht Unrecht. Liessmann setzte noch eins drauf: Der vermeintlich schlechte Geschmack ist der eigentlich gute. Warum? Er ist urdemokratisch. Und die spontane Ausstellung gefiel. Manches Stück wechselte den Besitzer. 

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