ZUGER PRIVILEG
 

Luxus - Ein Abend zum Geniessen, 08. Juni 2006

"Sie und Ihren "Verein" zu kennen, ist mir eine Bereicherung. Man fühlt sich gleich weniger einsam auf diesem Planeten." Dies der Kommentar von Ludwig Hasler nach dem Luxus-Abend in der Porsche Halle der AMAG, Cham.

Luxus ist kein Luxus

Irgendwie amüsiert mich der Vorgang: „Zuger Privileg“ organisiert einen Luxus-Abend – und geht ins Exil. Nichts gegen Cham, schon gar nichts gegen den Gastgeber Porsche-Zentrum. Nur, was ist mit der Stadt Zug los? Pekuniär helvetische Spitze, leistet sich das teuerste Stadtpräsidium. Doch sieht das reale urbane Leben nach Luxus aus? Mag sein, ich habe etwas übersehen, doch nirgendwo fand ich einen Laden für Delikatessen, nirgendwo ein grosses Modelabel, kein Armani, kein Dolce&Gabbana. Statt dessen, an bester Lage in der Einkaufsmeile der Bahnhofstrasse, das Steueramt. Oder, am Fischmarkt, mit Seesicht, das Betreibungsamt. Ist das viele Geld bloss da, um verwaltet zu werden? Keine Lebensart, keine Verschwendung? Am Hauptplatz jede Menge Verwaltung, Kantonalbank, Regierungssitz, viel Verkehr, eine Bar, doch wer will da schon hin, in dieser Umgebung? In der Altstadt herrscht die Ruhe vormoderner Provinzialität. Gäbe es nicht den Rathauskeller, könnte man sie zur Bio-Meile erklären. Auch Ruhe kann wie alles, was rar ist – zum Luxus werden. Sie wirkt nur etwas gar putzig, riecht zu sehr nach Verzicht auf Urbanität.

Schluss mit dem Zug-Bashing. War nicht arrogant gemeint, eher in kognitiver Absicht. Eine hieb- und stichfeste Erkenntnis lässt sich aus dem kurzen Rundgang trotzdem nicht gewinnen, die Nähe zu Zürich relativiert manches. Eine erste Hypothese gibt er vielleicht doch her: Luxus und Geld gehen nicht zwingend Hand in Hand. Man kann reich sein – und gleichzeitig bieder. Oder knauserig. Oder lebensängstlich. Oder stumpfen Sinnes. Jedenfalls kleinbürgerlich. Luxus ergibt sich nicht automatisch aus dem Haben, er ist eine Art zu sein.

Nun kampieren wir hier. Ist ein Porsche Luxus? Kommt drauf an, für wen. Für Armin Walpen, den SRG-Boss? Was verdient der, 450 000? Da ist ein Cayenne schon fast normal. Und was normal ist – ist das kein Luxus? Bei Walpen vielleicht doch, sein privater Cayenne läuft über Spesen, also aus unseren Pflichtgebührengeldern. Also ist er unser Luxus. So wie das sündenteure Steueramt in Zug Ihr Luxus ist.

Aber kann etwas Luxus sein, von dem man selber nichts hat? Eher nicht. Aber was können wir vom Luxus haben? Ist Luxus nicht einfach verschwenderischer Selbstzweck, die Überlistung des Homo oeconomicus, der stets auf Rendite schaut? Konkret: Was haben Sie davon, dass Sie heute hierher gekommen sind? Gut, Sie wissen es erst in einer halben Stunde. Aber naiv sind Sie auch nicht. Sie werden morgen kein neuer Mensch sein, beruflich werden Sie mit meinen luxuriösen Eskapaden keinen Quantensprung machen. Eher verschwenden Sie gerade zwecklos Lebenszeit. Notwendig ist dieses Treffen für niemanden, nicht einmal für mich. Oscar Wilde sagte: „Man versehe mich mit Luxus, auf alles Notwendige kann ich verzichten.“ Ja, ja, aber diesen Verzicht muss man sich leisten können.

Wie Porsche fahren statt Subaru. Ans Ziel kommen wir ungefähr gleich schnell. Aber anders? Doch wie anders? Hat der Porsche-Fahrer mehr vom Unterwegsein? Aber was? Die herkömmliche Theorie sagt: Wer mit luxuriösen Dingen lebt, lebt sinnlicher. Schön wärs. Dann müsste die Frau das Bett mit feinster Batist-Wäsche beziehen – und schon verwandelte sich der Normalmann vom erotischen Stümper zum zärtlichen Liebhaber. Läuft das wirklich so? Je feiner das Ambiente, umso feinsinniger der Mensch? Schon möglich. Menschen reagieren durchaus auf ästhetische Botschaften. Sind sie von kostbaren Dingen umstellt, fühlen sie sich selber kostbarer, nehmen Haltung an, werden rücksichtsvoller, aufmerksamer, sensibler. Sind sie von lauter Billigwaren umgeben, schrumpfen sie selber auf die Billigstufe.

Jedoch: Gibt es nicht unter einfachen Leuten auffällig sensible Exemplare, obwohl sie weder auf Batist schlafen noch Kaviar essen? Und gibt es nicht unter Schwerreichen entsetzliche Kotzbrocken, obwohl sie in ihren luxuriösen Interieurs dauernd Champagner trinken und Barockmadonnen horten? Daraus muss man folgern: Der äussere Luxus färbt nicht automatisch ab auf die Seele seiner Besitzer. Die Generosität, die Augenlust, die Zärtlichkeit muss von innen kommen, sonst sind die edelsten Dinge für die Katze. Luxus kann beleben, er kann aber auch gewöhnen, übersättigen, abstumpfen.

Am besten nimmt man „Luxus“ wörtlich. Das Wort, verschwistert mit „Luxation“, meint „Ausrenkung“, „Verbogenheit“, „Ausschweifung“. Eine Luxation nicht des Knochengelenks, sondern der verknöcherten Sinnlichkeit. Den eingerosteten Blickwinkel ausrenken, das Gehör umbiegen, den Geschmack ausschweifen lassen, das wäre Luxus: Luxus als Erfrischung der Sinne, als Erneuerung der Empfänglichkeit – und der eigenen Verschwendung. Luxus muss ICH werden, muss zur höchstpersönlichen Affäre geraten, zur erotischen Liaison, sonst ist es egal, ob ich mein Bettzeug bei Ikea oder bei Schlossberg poste.

Virginia Wolf nannte Luxus eine „angeborene Gleichgültigkeit gegen aussen“. Luxus als Haltung, nicht als Besitz. Die Haltung der Gleichgültigkeit gegen aussen ist nicht gratis. Da muss man „drinnen“ schon ordentlich jemand sein. Sonst ähnelt man schnell den pelzmantelbehängten Vogelscheuchen rund um das Poloturnier in St. Moritz, diesen bedauernswerten steinreichen Nullen, die nichts weiter im Kopf haben als die Preise, die ihre Maskerade gekostet hat. Die Gleichgültigkeit entspricht einer Lebhaftigkeit, die ich ganz allein für mich habe, mit mir, in mir. Darum fügt Virginia Wolf hinzu: Luxus, diese Gleichgültigkeit gegen aussen, werde niemals „exzentrisch“. Exzentriker führen ihre Gleichgültigkeit spazieren, führen sie andern vor, sind auf Wirkung, auf Beeindruckung aus – und dementieren sich damit selber.

Peter Bichsel sprach kürzlich davon, er habe sich „ein Leben lang den Luxus des Dilettantismus geleistet“, den „Luxus des Nichtkönnens“. Der Profi kann „es“ – im Beruf, im Leben – , er glaubt, „es“ zu wissen, zu kennen, gesehen zu haben. Wer so professionell lebt, hat abgeschlossen, ist fertig. Wer fertig ist, ist für Luxus verloren. Vor dem Fertigsein schützt der Amateurstatus, die Rolle des Liebhabers, der täglich neu geboren wird, verwundert, staunend, neugierig. Das wäre Luxus. Lebens-Luxus statt Besitz-Luxus.

Jetzt aber systematisch – in drei Schlaufen: 1. Luxurieren – oder die Ökonomie des Überschwangs. 2. Verschwenden – oder die Erotik des Geschmacks. 3. Geniessen – oder die Kunst des individuellen Glücks.


I. LUXURIEREN – ODER DIE ÖKONOMIE DES ÜBERSCHWANGS

Für Tugendwächter war Luxus schon immer des Teufels. Von der spartanischen Lebensart der Antike über die Sinnenfeindschaft der Reformatoren bis zum heutigen Öko-Spiessertum gilt: Der wahre Mensch lebt elementar, anspruchsfrei, staubtrocken. Wer sich der Üppigkeit, dem Prunk, der Verschwendung hingibt, verrät sich als dekadent – oder sündig. Solange die Luxus-Kritik derart moralisch oder religiös argumentiert, bleibt sie stumpf.

Im 17./18. Jahrhundert aber entwickelt sich in Frankreich eine Debatte, die den Luxus unter politischen und ökonomischen Gesichtspunkten diskutiert. Um 1650 erregt sich der Herzog von Sully, damals französischer Finanzminister, über die „Korrumpierung der städtischen Klassen durch den Luxus und sein gesamtes Gefolge – Faulheit, Verweichlichung, Lüsternheit und Verschwendung“; es werde schändlich viel Geld ausgegeben „für prachtvolle Gärten und pompöse Paläste, die teuersten Einrichtungsgegenstände, goldenen Zierat und Porzellangeschirr, für Festlichkeiten, Likör und Parfum“. Das tönt traditionell moralisch, doch der adelige Herr Finanzminister wettert hier gegen das aufstrebende Bürgertum, das sich über Luxus seinen eigenen Lebensstandard erobert.

Und dieser bürgerliche Luxus wird – anders als der höfische – produktiv; er verbraucht nicht nur, was die arme Landbevölkerung erwirtschaftet, nein, er investiert in neue Wirtschaftsformen, zum Beispiel in den Seidenbau. Hören Sie bloss, wie der Abbé Coyer hundert Jahre später, 1757, zur Verteidigung des Luxus ausholt: „Der Luxus gleicht insofern dem Feuer, als er ebenso wärmen wie verzehren kann. Wenn er einerseits reiche Häuser zugrunde richtet, so hält er andererseits unsere Manufakturen am Leben. Er frisst das Vermögen des Verschwenders auf, aber er ernährt auch unsere Arbeiter... Wollte man unsere Lyoner Seidenstoffe, unsere Goldbeschläge, unsere Tapisserien, unsere Spitzen, unsere Spiegel, unsere Juwelen mit dem Bann belegen, so sähe ich die Folgen kommen: Mit einem Schlag lägen Millionen Arme brach, und ebenso viele Stimmen erhöben sich, die nach Brot riefen.“

Luxus als Triebkraft des wirtschaftlichen Fortschritts, als Motor des allgemeinen Wohlstandes? „Ohne Luxus geht es nicht“, doppelt Montesquieu nach. „Wenn die Reichen nicht reichlich ausgeben, werden die Armen Hungers sterben.“ Ökonomisch leuchtet es ein. Wäre die Welt ein einziges Sparkonto, die Gesellschaft ein Club von Sparschweizern, es gäbe weder Wohlstand noch Kultur. Es gäbe nicht einmal etwas zu sparen, weil wir noch immer auf den Bäumen sässen. Fortschritt verdankt sich wie Kultur dem Überschwang, der Produktion von quantitativem wie qualitativem Überschuss.

So entspringt die gesamte moderne Welt dem Geist der Verschwendung. Und am Anfang dieser Entwicklung steht die Frau, genauer die Mätresse, die Konkubine, die grosse Amoureuse. Da sie selber als reines Luxusgeschöpf existiert, also nicht zur Nachwuchssicherung, nicht zum Haushalten, sondern einzig zur Raffinierung des Liebeslebens, raffiniert sie auch alles um sich herum: die Kleider, die Möbel, die Palais, die Reisen, die Speisen... So jedenfalls stellt es Werner Sombart in seinem Werk „Liebe, Luxus, Kapitalismus“ (1922) dar: Unter der Regie professionell sinnlicher Frauen wird der persönliche, private Luxus erst erfunden. Zuvor, im Mittelalter, war Luxus unpersönlich, staatliche oder kirchliche Repräsentation, pure Machtdemonstration. Seit dem 18. Jahrhundert, seit das Bürgertum zu Geld und Einfluss kommt, dient Luxus der „Verfeinerung“ des Privatlebens, steigert die Annehmlichkeiten, dreht an der Reizspirale. Es ist kein Zufall, wenn dieser Luxus in der Frivolität ausserehelicher Erotik seinen Ursprung nimmt. Nichts verführt so selbstverständlich zum Verschwenden wie die zweckfreie Liebe. Erotik ist die vitalste Form sinnlicher „Luxation“.

Dass erotisch auf keinen grünen Zweig kommt, wer nur das Notwendige besorgt, weiss schon die Natur – und neigt zum Überschwang. Kein Birnbaum lebt nach dem Nützlichkeitskalkül, er produziert nicht möglichst viele saftige Birnen, damit die Menschen stets genug Most haben. Er entfaltet eine Pracht, die mit Darwins Überlebensstrategie nie zu erklären ist. Unter seinen Tausenden von Blättern ist keines dem andern gleich, und das ist völlig unnötig, ist purer Luxus, verständlich nur, wenn wir – mit Adolf Portmann – denken, der Baum wolle so schön und herrlich sein und sich selber daran erfreuen. Kein Wunder, ist „luxurieren“ ein Begriff aus der botanischen Terminologie.

Luxurieren als Naturphänomen. Der Pfau mit seinem riesigen Schweif ist überlebenstaktisch ein Irrwitz, das Tier wird unbeweglich, eine leichte Beute für seine Feinde. Der radschlagende Luxus hat seinen Preis, doch er ist wunderschön, und die Weibchen sind hin und weg.

Noch bunter treibt es der Narwal. Sein Zahn erreicht eine Länge von zwei bis drei Metern, überaus kunstvoll in die Spirale gedreht, stets aus der linken Mundseite, während der Zahn rechts verkümmert. Kein Meerestierforscher kann sagen, warum das so ist, wozu das dient. Zoologen reden resigniert von der „reinen Luxusausstattung der Männchen“. Ein Luxus, der dem Narwal die Verfolgung durch den Menschen eingebracht hat: Vom überdimensionierten Zahn versprachen sich die Männer das Wunder immerwährender Potenz.

Soll sich die Wissenschaft am Luxus der Natur die Zähne ausbeissen. Wir wollen uns seiner freuen – auch mit dem Hintergedanken einer Rechtfertigung:
Am Ende ist es ein Naturtrieb, der uns am Luxus hängen lässt. Gegen einen Naturtrieb ist kein Kraut gewachsen. Wir können ihn jedoch kultivieren:


II. VERSCHWENDEN – DIE EROTIK DES GESCHMACKS

Luxus entstand, wie gesagt, aus dem libidinösen Verhältnis. Etwas von dieser erotischen Affäre muss er wahren, sonst verkümmert er zum banalen Besitz von teurem Zeug. „Wahrer“ Luxus bleibt eine Romanze – auch zu den Dingen. Sie beginnt mit dem Wählen des Dinges. Welchen Koffer, welche Tasche, welche Brieftasche? Wählerische Luxusmenschen würden Valextra kaufen. Nicht nur weil Grace Kelly mit dem Valextra-Koffer reiste, weil Jacky Kennedy Onassis ihn liebte. Valextra, die Mailänder Lederwaren, ist einzigartig. Teuer, klar. Doch andere Marken sind ähnlich teuer, und da bezahlen wir vor allem das Label, bei Louis Vuitton zum Beispiel oder Hermès, bei jeder Menge Luxusuhren ebenso. Bei Valextra steckt das Kostbare nicht im Label, nicht im aufgenähten Monogramm, sondern im Produkt selbst, in der überragenden Qualität des Materials (solange es erlaubt war, verwertete die Firma Elefantenohren), in der aufwändigen Fertigung (alles von Hand), in der Raffinesse der praktischen Einteilung (zugeschnitten auf den individuellen Gebrauch). Andere Luxusmarken sind als Raubkopien zu Schleuderpreisen zu haben. Von Valextra gibt es keine Billigkopien. Sie lohnten sich nicht.

Das nenne ich Geschmack: das Vergnügen am Detail. Der Valextra-Koffer hört dann sozusagen auf, ein teures Ding zu sein, er belebt mich, macht mich vergnügt, bringt mich in Schwung. Geschmack kommt von schmecken. Der wahre Luxus liegt im animierenden Wechselverhältnis zwischen mir und dem kostbaren Ding: Ich muss es schmecken mögen – und es muss mich auf den Geschmack am Feinen, Besonderen bringen.

Davon haben zu viele Geldsäcke keine Ahnung. Sie raffen Labels zusammen, stets nach aktuellem Modediktat, was „man“ zu tragen, herzuzeigen hat. Kein Hauch von persönlicher Beziehung, von Wille zum eigenen Stil schon gar nicht. Wer sich an Labels hängt, bleibt Nachäffer. Nachahmen ist immer ordinär, egal was es kostet; es verrät, dass man eine geschmacklose Marionette ist, die andere für sich wählen lässt – das Milieu, die Schicht, die Rivalin. Perverserweise nennt man das dann den „guten Geschmack“; der aber beschränkt sich aufs Wissen, wo man klassenspezifisch richtig shoppen geht. Der Mensch als Kollektion von Marken.

Wahrer Luxus würde frei machen – die „angeborene Gleichgültigkeit nach aussen“. Ich muss leider sagen, von Valextra besitze ich nichts. Aber ein luxuriöses Auto kaufte ich einmal, einen Jaguar Jahrgang 1964, das Modell mit dem senkrechten Kühler, sah von vorn aus wie ein Bentley. Der war in jeder Beziehung ein Luxus. Damals viel zu teuer für mich, ich hatte nicht einmal eine Garage für ihn, er verbrannte entsetzlich Benzin. Doch er war zu schön. Die Form eine Augenweide, aussen eierschalenweiss, innen warmes rotes Leder, selbstverständlich Mahagoni, alle Materialien vom Edelsten, der Geruch betörend, und dann dieser Sound, wenn er anzog, über die Strasse mehr schwebte als fuhr, Musik fürs Ohren. Und wie komfortabel, wie einladend: zum Einsteigen, zum Sitzen, Steuern, Umblicken...

Wozu brauchte ich diesen Luxus? Um dank Jaguar „jemand“ zu sein? Ich fürchte, dafür war ich damals schon zu eingebildet. Nein, ich dachte: Wenn ich schon mit einem Auto durch die Gegend fahre, dann mit einem, das meinen Genuss am Fahren steigert. Ich war schon nahe daran, Autofahren für verplemperte Zeit zu halten. Im Jaguar geriet mir die Zeit zur Sinnerfüllung, das Luxusgerät erhob das Fahren, normalerweise ein Mittel zum Zweck, zum Selbstzweck. Kaum sass ich in ihm, fühlte ich mich so richtig menschlich. Leder unter mir, Mahagoni vor mir, die Bar hinter mir – dieses Auto war mehr als ein Vehikel, es verwöhnte mich, veredelte mich, animierte meine Sinne, kultivierte meinen Tempotrieb, zivilisierte meine Höflichkeit... In andern Autos bin ich nichts als ein Verkehrsteilnehmer, meine Sinne dümpeln auf Schwundstufe, im Kopf nur ein Gedanke: Wann endlich bin ich am Ziel? Im alten luxuriösen Jaguar lief meine Sinnlichkeit in Hochform auf, meine Gedanken schweiften beflügelt aus. Gut, war das Ziel noch weit weg, ich genoss die Zeit, ich hatte Zeit, war frei, war Mensch.

Bis ich, nach einem halben Jahr, an jeder Tankstelle zwei Liter Öl nachgiessen musste. Es zeigte sich, der Jaguar war total durchgerostet. Damit war auch der Luxus im Eimer. Obwohl der Rosthaufen noch so prächtig aussah wie zuvor. Das ist der Unterschied zwischen Gebrauchsluxus und Kunstluxus. Nützliche Dinge müssen funktionieren, ihr Luxus besteht nur darin, dass er unsere Lust am Benutzen stimuliert.

Kunst dagegen ist reiner Luxus. Kunst sammeln ist das letzte Reservat der Reichen. Was sonst? Geld? Hat heute jeder Parteisekretär. Bildung? Jede Taxifahrerin ist lic.phil. Freizeit? Jeder Prolet langweilt sich zu Tode. Aber Bilder! Richtig teure Bilder! Die bleiben den wenigen Vermögenden vorbehalten. Mehr als das – Kunst verheisst Grossverdienern eine neue Identität: die reinigende Seelenkur nach der Schmutzarbeit des Geldverdienens. Über Nacht kann aus dem vulgären Milliardär ein Mäzen werden, der sein Vermögen dem Schönen, Guten, Wahren widmet. Das Luxusgut Kunst versetzt statusverunsicherte Reiche in die Illusion, sie stiegen langsam – Bild für Bild, Million um Million – zur Elite der Gesellschaft empor. Mag ihr Vermögen noch so fragwürdigen Ursprungs sein, Kunstsammler erwerben sich soziale Anerkennung. Ein Cy Twombly an der Wand schenkt Selbstbewusstsein, adelt den Besitzer, verschafft ihm Respekt. Aber nicht partout. Ein grossgekotzter Geldsack bleibt ein grossgekotzter Geldsack, auch wenn er an Auktionen mit Millionen um sich schmeisst. Adels-Prämien gibt es nur auf wirkliche Noblesse.

Auch dieser (Kunst-) Luxus funktioniert etwa so, wie wenn man sagt: Wer gut Klavier spielt, hat Glück bei den Frauen. Das ist ein wahrer Satz, leider, muss ich als Nicht-Klavierspieler einräumen. Doch vielleicht ist er auch nur halb wahr. Die Gunst der Frauen mag das Klavierspiel beflügeln, nur, sie steht nie am Anfang der Pianokunst. Jeder Tastenvirtuose beginnt aus Liebe zur Musik, nicht aus erotischem Kalkül.

Genau so beginnt jeder Kunstsammler: besessen vom Reiz des einmalig Schönen, nicht auf gesellschaftliche Nobilitierung schielend. Ich jedenfalls, als ich, 35-jährig, alle meine Ersparnisse zusammenkratzte und ein Gemälde von Isolde Wawrin kaufte, 3 Meter 40 auf 3 Meter 10, da dachte ich weder an das Glück bei den Frauen noch an die Gratifikation der Gesellschaft. Ich dachte nicht einmal daran, dass meine Wohnung gar keine Wand für dieses raumbeanspruchende Bild hatte. Ich sah nur die heitere Metaphysik im Bild, ich war hingerissen von den Farben, den Zeichen. Das Werk liegt noch heute zusammengerollt auf dem Estrich. Macht nichts, ich sehe es auswendig. Und wenn ich das einer schönen Frau erzähle, dann verstärke ich eher den Eindruck, den ich ohnehin mache: den eines leicht spinnerten Unzeitgemässen.

Das ist Luxus: dass ich mich einer Sache hingebe, die mich in Hochform bringt. Unbekümmert darum, wer darüber den Kopf schüttelt.


III. GENIESSEN – DIE KUNST DES INDIVIDUELLEN GLÜCKS

Zurück zum Anfang. Porsche. Haben wir eigentlich nichts Besseres zu tun als teure Autos zu kaufen? Ist das überhaupt zu rechtfertigen? Dürfen wir genüsslich Porsche fahren, wenn für die Preisdifferenz Subaru/Porsche zehn afrikanische Waisenkinder lebenslang Nahrung und Unterkunft fände? Allgemein gewendet: Darf es mir gut gehen, wenn es anderen schlecht geht?

Das klassische Dilemma: Hier der Luxus, da die Moral. Braven Bürgern war der Genuss schon immer ein Dorn im Auge. Der Geniesser gibt sich dem Augenblick hin, bewegt sich scheinbar ausserhalb von Verantwortung und Moral. Also muss er sich verteidigen – oder zu Kreuze kriechen. Ökonomisch mag sich Verschwendung rechtfertigen: als Ankurbelung der Volkswirtschaft, siehe oben. Ob allerdings das Porschefahren und der Wettlauf um die grössere Yacht auf dem Zürichsee den wirklich Bedürftigen zugute kommt, bleibt zweifelhaft. Zur Beruhigung ihres Gewissens müssen sich Geniesser schon etwas mehr einfallen lassen. Sie könnten zum Beispiel sagen: Während wir still geniessen, richten wir keinen Schaden an; was man den Moralisten, die penetrant das vermeintlich Gute verfolgen, nicht nachreden kann.

Aber geniessen Luxusmenschen überhaupt? Ich lebe in Zollikon, eher zufällig mitten in der VIP-Zone der Goldküste. Was ich dort wahrnehme, sieht kaum nach Genuss aus. Ich sehe mir die Villen der Reichgewordenen an: Monumente der Beeindruckung oder Abschreckung, rigoros entschlackt von persönlichem Geschmack, wie aus Hollywoodfilmen heruntergeladen. Die Partys, die darin steigen, sind vom Feinsten, darum gleicht eine der andern. Spitzen-Catering, Top-Orchester, saisonale Special Guests. Lässt sich alles besorgen. Ein VIP hat für alles seine professionellen Berater, für Möbel, Kleider, Figur, Frisur. Todchic sieht alles aus – nur halt nach Katalog. Nie wird mir klar: Sind die Leute wirklich so, ist das ihr Leben – oder spielen sie nur ihre Rolle im Schickimicki-Theater? Und dann die Parks vor den Villen: immense Grünflächen – pflegeleicht, öde, unpersönlich. Die Herrschaften haben ja keine Zeit, basteln permanent an ihrem Gewinnziel, ihrer Prominenz, ihrer Fitness. Nicht einmal samstags sehe ich sie auf ihrem picobello englischen Rasen.

Kurz und übel: Luxus haben bedeutet noch lange nicht geniessen können. Genuss kostet Zeit – Erfolgreiche haben keine Zeit. Genuss braucht Ruhe – der neue Gesellschaftsadel ist immer auf Draht. Genuss wirft keinen Profit ab – für heutige Alphatiere muss alles dem Kosten/Nutzen-Kalkül standhalten.

Das ist ein Debakel. Der Genuss mehrt zwar weder das Konto noch dient er der Gesundheit. Und doch bereichert er wie nichts sonst: Geniessen macht menschlich. Sicher sind Geniesser potentielle Lustmolche, sicher neigen sie zum Exzess. Doch nachdem sie sich ein paar Mal die Finger verbrannt haben, wissen sie: Der schnelle Exzess verbraucht nur die Reize. Also kultivieren sie die Langsamkeit zur Lust, sie bauen sorgfältig eine Spannungskurve auf, und dabei geht ihnen auf: Der wahre Genuss ist nicht Verbrauch von Reizen, eher die Hingabe an sie. Wir steigern unsere Existenz, indem wir uns an anderes verschwenden: ans Abendlicht, an die Blumenpracht, an den Sancerre, an die Erotik. So entwickelt sich absichtslos, was Virginia Wolf mit der „angeborenen Gleichgültigkeit“ meinte: ein höchstpersönlicher Reichtum, ein souveräner Charme, eine unbändige Lebenslust, ein Geschmack, der noch die geringste Tätigkeit zum Fest macht.

Die Briten sagen: Ein Gentlemen ist ein Mensch, der die Butter noch dann mit dem silbernen Buttermesser nimmt, wenn er ganz allein tafelt – nicht aus konventionellem Gehorsam, sondern weil er es ablehnt, diese wunderbare Butter mit einem Allerweltswerkzeug zu traktieren. Das heisst: Geniesser verhalten sich schon zu den Alltagsdingen mit einer respektvollen Zärtlichkeit – und gewinnen eben darin ihr individuelles Glück.

Genau so wäre Genuss gegen den moralischen Einspruch zu verteidigen: Wie kann ich andere erfreuen, wenn ich mich meiner eigenen Existenz nicht freue? Wem nützt es, wenn ich in Lumpen gehe und schlechten Wein trinke? Niemandem. Nur wer sich in seiner eigenen Haut wohl fühlt, gewinnt eine Zärtlichkeit auch für die Haut der andern. Wer den Champagner geniesst, sich am Duft der Rosen betäubt, sich der Eleganz der Kleider erfreut, empfindet eine Sympathie mit dem Leben, auch für alles andere Leben, spürt ein Verlangen, alles um ihn herum zum Blühen zu bringen. Nur wer sich selber in sinnlicher Hochform erlebt, kann andere in Form bringen.

Ich verstehe alle, die mein Argument blauäugig finden. Schliesslich gibt es auch egozentrische Geniesser. Ich muss also präzisieren: Das Argument von der Übertragbarkeit der Genussfreuden gilt ausschliesslich für Geniesser, die sich im Genuss zu exemplarischen Prachtmenschen steigern. Champagner saufen und Porsche blochen, das ist noch kein Genuss, das sind bloss Statusreflexe. Der Genuss, den ich meine, weckt die Sinne, verfeinert die Wahrnehmung. Dazu braucht er Zeit. Der schnelle Esser sieht nichts, hört nichts, er verschlingt die Speisen, berührt sie nur mit den Lippen und der Zungenspitze, fühlt bloss die gröberen Reize wie süss und salzig; das ist Banausentum. Der Geniesser nimmt sich Zeit, legt Wert aufs anregende Ambiente, wählt das taktil angenehme Besteck, lässt den Goût der Speisen im Gaumen sich entfalten. Eben so verhält sich die Geniesserin zu den Stoffen, der Bettwäsche, den Kleidern; für sie ist der schöne Stoff nicht bloss gefällig anzuschauen, er muss der Haut schmeicheln, sein Geräusch soll hellhörig machen.

Weil Genuss angeblich zu nichts gut ist, erregt er den Verdacht der Spiesser. Dabei bringt uns just seine Zwecklosigkeit in Menschenform. Geniessend spuren wir nicht, wir halten die zerrinnende Zeit an und entdecken im stillstehenden Augenblick, was wir sein könnten...

Schluss mit Räsonieren. „Ein Gentlemen schweigt – und geniesst.“  

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