ZUGER PRIVILEG
 

Fromme Kunst und Gedächtniskunst, 09. Januar 2004


Kloster Einsiedeln

Ein Kloster kann weitaus erstaunlicher sein, als mancher vermutet. Es beherbergt dann nicht nur fromme Menschen mit ihren Utensilien. Vielmehr finden sich in ihm fast vergessene Spuren der Kulturgeschichte und des menschlichen Denkens. Ein solcher Ort ist das Kloster Einsiedeln. Hier liegen die ältesten Noten der Welt.

Das allein wäre für das Zuger Privileg kein Anlass gewesen, das Kloster Einsiedeln zu besuchen. Alter an sich ist wenig anregend. Aber die Noten erzählen eine Geschichte, eine Geschichte, die bis in die heute Zeit reicht. Die Geschichte handelt von der Weitergabe und Pflege ältester Traditionen. Die Rede ist von den Psalmen. Man hat sie frühzeitig schriftlich festgehalten, nicht aber ihre Vertonung, die seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. erfolgte. Bis ins 8. Jahrhundert hinein war das Medium der Aufbewahrung und Weitergabe der Gesang. Erst dann wurde eine Notenschrift erfunden, mit der die Choräle auf Papier fixiert werden konnten. Der Gesang aber blieb und wird im Kloster Einsiedeln bis heute gepflegt. Und wie es so geht, wenn etwas mit Ernst, Leidenschaft und Freude betrieben wird: Es strahlt aus. Komponisten wie Johannes Brahms hielten sich im Kloster auf und wirken auf ihre Weise an der Tradition.

Zu danken haben wir Pater Lukas und Pater Odo. Sie vermittelten uns bei ihrer Führung auch etwas von der gelassenen Heiterkeit, die eine lebendige Vergangenheit schenkt. Marco Brandazza wiederum, Chorleiter in Zug und Dozent an der Musikhochschule in Luzern, berichtete von der Gedächtniskunst der Mönche, die in frühen Zeiten alle Psalmen auswendig wussten. Das anschliessende Konzert mit zwei Orgeln und vier Choralisten wird allen Zuhörern ganz von selbst im Gedächtnis bleiben. 

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