Zuger Privileg
Welt Spiegel Kino, 21. Juli 2005


Ein Experimentalfilm von Gustav Deutsch

Unvorbereitet auf das was da kommt nehmen die Mitglieder des Zuger Privilegs im Kino Seehof Platz:
Episode 1: Kinematograf Theater Erdberg / Wien 1912
Episode 2: Apollo Theater Surabaya 1929
Episode 3: Cinema Sao Mamede Infesta, Porto, 1930

Die drei Episoden und Schwenks über Strassen und Plätze werden zum Ausgangspunkt einer bestechenden Reflexion über das Verhältnis zwischen Alltagsgeschichte und Kinomaschine.
Die Passanten werden in der Montage zu Zufallsprotagonisten einer Serie von kleinen Erzählungen, die von Kino und Weltgeschichte berichten.
Deutsch verknüpft Archivmaterial mit einer möglichen soziokulturellen Entwicklung – wie z.B. der Blick eines Wiener Passanten des Jahres 1912 – führt den Film gleich einer Zeitmaschine in die Schlacht am Isonzo, den Wiener Prater und zur Bestrafung delinquenter Vorstadt-Lausbuben.
Im Portugal Salazars zeichnet ein General weinende Veteranen aus; eine Gruppe Mädchen starrt unverwandt in die Kamera eines unbekannten Filmchronisten, während ihre Mütter in der Sardinenfabrik von der Ueberwindung ihrer Verhältnisse träumen...
Es ist die changierende Vieldeutigkeit, die diesen Collagen seine Faszination verleiht.
Bei Gustav Deutsch ist das Kino (jeder noch so unbedeutende Artefakt) Spiegel der Welt und umgekehrt gehört das Kino diesen „infamen Menschen“, den Nebendarstellern der Geschichte. Von ihrem In-der-Welt-sein zeugt sein photochemischer Prozess; im Kameraauge reflektiert sich der Mensch des 20. Jahrhunderts.

Georg Deutsch: geb. 1952 in Wien, Architekturstudium, macht seit den 80er Jahren Filme: Filme aus andern Filmen, so genannte Found-Footage-Filme. „Taschenkino“, „Film spricht viele Sprachen“, „Film ist mehr als ein Film“, „Film ist“. Er zerlegt uns die Welt, damit wir sie besser sehen können.

Manch einer Besucherin und manch einem Besucher war das Kino zu anstrengend, der schöne Sommerabend zu verlockend und so verliessen in der Pause etwa die Hälfte der Besucher den Saal und strebten hinaus zum Seeclub.
Hinauf auf die wohl schönste Terrasse der Stadt zu Barbecue, Salat, Bier und Wein.
Das Zuger Privileg macht Sommerpause.